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Geschützt: Das Leben und ich 12.Okt-07.Dez.2009

Veröffentlicht in text am 7. Dezember 2009 von verena

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2. Killerspiele

Veröffentlicht in text mit den Tags , , , , am 21. September 2009 von verena

Gedanken zu Ansbach

Killerspiele

Computerspiele jeder Art sind heute eine Entschuldigung und der Grund für nahezu jede Art von Straftat. Da ich selbst einige Zeit lang die verschiedensten Spiele gespielt habe, bin ich mittlerweile auch täglich zu neuen Schandtaten bereit. Ich schieße auf Menschen, zünde alles an, was mir über den Weg läuft und sammle Münzen auf meinem Weg. Was soll denn der Quatsch?

Kein Spiel dieser Welt macht einen Menschen zu einem Straftäter. Wenn das gesamte Leben, die Welt und das Umfeld einen Menschen so weit treibt andere zu verletzen, dann kann ein Computerspiel da nichts mehr dazu beitragen. Es kann vielleicht eine Vorgehensweise vorschlagen, aber nicht die Beweggründe liefern.

Ich selbst habe so genannte Killerspiele gespielt. Ich habe auf unbekannte und maskierte geschossen. Ich habe Schwerter und Messer in Körper gestoßen, die mir absolut fremd waren. Jedoch war mir in jeder Sekunde des Mordens bewusst, dass es sich um virtuelle Figuren ohne Lebensgeschichte, Familie und Gefühle handelt. Jeder Mensch, der diesen Realitätssinn während eines solchen Spiels verliert, der hat schon vor dem Spiel bleibende Schäden gehabt. Wer in einem Spiel so aufgeht, dass er es nicht mehr von der echten Welt unterscheiden kann, dessen echte Welt kann nicht besonders gut sein. Niemand tauscht ein wirkliches Leben gegen graue, graphische Figuren mit Waffen in Händen – es sei denn, das wirkliche Leben ist noch schlechter.

Für mich war eine ganze Zeit lang “Carmageddon” ein Ventil. In einem aufgemotzten Auto rumfahren, andere Autos zu Schrott verarbeiten, Stacheln und Zacken in Motorhauben rammen und Menschen überfahren, um Zeitpunkte zu sammeln. Blut auf Straßen verteilen, schreiende Menschen und ab und zu das Lachen meines Fahrers aus den Boxen des PCs. Das war nach einem Streit oder einem stressigen Schultag ein perfekter Ausgleich. Eine halbe Stunde Tod und Verderben, dann wieder zurück ins echte Leben. Deswegen habe ich trotzdem noch nie jemanden überfahren, damit mir im echten Leben Zeit angerechnet wird.

In einer Zeit, die von Technik und Computern regiert wird, darf man Spiele nicht überbewerten. Es ist eine Art der Freizeitgestaltung – oder sollte es zumindest sein. Kritisch wird es erst, wenn der Realitätssinn verloren geht. Dafür ist dann aber nicht das Spiel verantwortlich, sondern die Realität des Spielers.

1. Die Hemmschwelle und das Interesse

Veröffentlicht in text mit den Tags , , , , am 21. September 2009 von verena

Gedanken zu Ansbach

Nach den Vorfällen in meiner Heimatstadt rattern die Gedanken wie ein vorbeifahrender Zug.
Was bewegte Georg zu dieser Tat? Auch ich könnte jetzt spekulieren, rätseln, Nachrichten nachplappern und Killerspiele verurteilen. Ich könnte wild Leute beschuldigen ihn vernachlässigt zu haben. Ich könnte auf dem Bildungssystem rumhacken und auf die Politik schimpfen. Ich habe nichts dergleichen vor. Schuld an Geschehnissen wie diesem hat jeder. Ich meine damit jeden einzelnen Menschen. Ich meine Mütter, Väter, Freunde, Bekannte, Lehrer, Nachbarn, Computerspiele, Fernsehen, Politik, Systeme und die ganze Welt. Am meisten Schuld an der sogenannten Tragödie trägt meiner Meinung nach aber immernoch Georg selbst.

Der erste Punkt, den es anzusprechen gilt, ist die gesunkene Hemmschwelle der gesamten Gesellschaft.

Am deutlichsten zeigt sich das wohl im Fernsehen. Vor einigen Jahren wurde noch jedes “Scheiße” weggepiept, aber heute könnte ein Nachrichtensprecher der ARD sein gesamtes Repertoire an Schimpfworten in seinen Text einbauen und der normale Bürger würde darüber schmunzeln. Diese Veränderung spiegelt sich in allen Lebensbereichen wider. Wer hat in seiner Schulzeit nicht darüber geredet einen verhassten Lehrer auf sein imaginäre Amokliste zu setzten? Wer hat nicht bei dem Gedanken an “Hurra, hurra, die Schule brennt” gelächelt? Wer schwor bei einer ungerechtfertigten schlechten Note keine Rache? Aber wer setzte so etwas wirklich in die Tat um? Heutzutage werden die gleichen Drohungen ausgesprochen, wie früher, aber sie werden immer öfter umgesetzt. Phantasien werden ausgelebt, unterdrückte Gefühle rausgelassen und Worten folgen immer öfter Taten. Ist das nicht Zeichen genug? Vielleicht ein Ansporn sich mehr um Gefühle, Gedanken und Worte der Jugend zu kümmern….
Zuhören, Nachfragen und sich dafür interessieren wäre heutzutage angebracht. Und zwar sollte das jeder Einzelne tun. Ob Lehrer, Eltern, Freunde oder Politiker – wer hört denn eigentlich noch aufmerksam zu? Wer interessiert sich für einen Einzelnen? Und wer kennt die Hemmschwelle dieses Einzelnen?

Man kann danach immer sagen “Das hätte ich von dem nie gedacht!”. Hat jemals jemand mit “DEM” über so etwas gesprochen? Sicherlich nicht.
Niemand spricht mit einem Amokläufer über Amokläufe. Niemand spricht mit einem Kinderschänder über Kinder. Niemand spricht mit einem Selbstmordattentäter über das Leben.

Jeder kennt solche Menschen. Aber niemand spricht darüber…

Kleinstadt mit Stempel

Veröffentlicht in text mit den Tags am 21. September 2009 von verena

17.09.2009

Auch wenn die Nachrichten und das gesamte Internet voll waren mit Berichten, Skandalfotos und Polizeibildern, trotz unzähliger Spekulationen und Erzählungen, den schockierten Kommentaren und der Fassungslosigkeit – ich schreibe hier über den Amoklauf am Gymnasium Carolinum in Ansbach. Aus meiner Perspektive…

An besagtem Donnerstag im September riss mich ein Anruf der Hausverwaltung aus meinen friedlichen Träumen. Aus dem Ausschlafen wurde wohl nichts mehr. noch mehr organisatorischer Quatsch, den ich zu regeln hatte. Nach dem Kaffeekochen nahm ich mein Handy zur Hand, um meinen Mitbewohnern von unserem unverschuldeten Mietrückstand zu erzählen und entdeckte ein kleines Briefchen auf dem Display. Seit 10.55 wartete die Nachricht auf mich – getarnt durch einen unschuldig blinkenden Umschlag aus einzelnen Pixeln. Mein Freund fragte, ob ich ES schon gehört hatte und fasste die wichtigsten Informationen auf 160 Zeichen zusammen. Ohne mir etwas dabei zu denken, legte ich das Handy beiseite und ging an mein iBook.

Wild hüpfend wollte mir Skype eine Nachricht meiner Mutter überbringen. Auch sie schreib etwas von Carolinum, Amoklauf und Verletzten. Zwischen den Schlagworten fand ich die Worte “Nachrichten” und “Fernsehen”. Also gut, dann eben mal den Fernseher anschalten. Die üblichen Sender brachten den üblichen Mist – Familienstreit, Sitcoms und Gewinnspiele. Google-News – dachte ich. Und da stand es dann in großen Buchstaben.

Ich saugte alle Infos und in mich auf, öffnete einen neuen Tab und loggte mich in Twitter ein. Überall ähnliche schlechte Scherze über meine kleine Heimatstadt. Als dann auch noch ntv und n24 bewegte Bilder aus Ansbach zu mir nach Würzburg schickten, war ich kurz davor die Geschichte zu glauben.

Polizeibusse in Herden rasten durch Straßen, die ich bis auf den letzten Kieselstein kannte. Absperrbänder schlängelten sich vor Gebäuden umher, die für mich jahrelang ein normaler Anblick waren. Reporter standen vor Kulissen, die meinem verschlafenen Ansbach bis ins letzte Detail ähnelten.

Es fielen Namen, Zahlen und Fakten, die trotz allem sehr unwirklich schienen. Ich verfolgte Julius Kramers Kommentare bei Twitter und bemerkte nach kurzer Zeit, dass es sich um DEN Julius handelte. In meinem Kopf ratterte ein Namensregister, sortiert nach Schulzugehörigkeit. Wen kannte ich an der Schule? Was passierte wohl zur gleichen Zeit an den anderen Ansbacher Gymnasien? Ich griff zum Handy und rief eine Freundin an, die gerade Praktikum an einem der anderen Gymnasien machte und erfuhr kaum Neuigkeiten – nichts als Chaos.

Ich habe daraufhin den ganzen Tag vor Fernseher und PC verbracht. Sämtliche bestätigten und unbestätigten Infos gingen durch meinen Kopf und wieder hinaus.
Selbstverständlich malte ich mir unzählige Horrorszenarien aus, erinnerte mich an meine eigene Schulzeit und versetzte mich in die Lage vieler Menschen in Ansbach. Meine Familie und auch einige meiner Freunde waren dort. Es war ja schließlich meine kleine, friedliche Heimatstadt.

Auch die Tage danach waren ziemlich gedankengefüllt.
Das Bild des Täters brachte mein Namens- und Gesichtsregister erneut zum rattern. Natürlich kannte ich ihn. In einer Stadt, wie Ansbach kennt jeder jeden. Ich habe nie wirklich viel mit ihm geredet, aber sein Gesicht und sein Auftreten waren mir ein Begriff. Ein ruhiger Typ, der kaum auffiel.

Als ich am Freitag schließlich nach Ansbach fuhr, begleitete mich das Bild die gesamte Fahrt. ich fuhr nicht hin, um die Sensation live zu erleben, sondern hatte den Besuch schon vorher geplant. Im Gegenteil – ich hatte überlegt ihn abzusagen. Aber Familie und Freunde hatten Vorrang vor meinen wirren Gedanken. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie die Lage in Ansbach wirklich war.

Die Puzzleteile fügten sich nach und nach zusammen. Der Täter war enttarnt und in meinem Gedächtnis auch als fertiges Bild abgespeichert. Die Bilder aus Fernsehen, Zeitung und Internet verketteten sich zu einem hektischen Kurzfilm aus Nachrichtensequenzen vor einer bekannten Kulisse kombiniert mit persönlichen Eindrücken. Als meine Freundin und ich das Ortsschild passierten, traf uns die Realität mitten ins Gesicht. Ansbach war wie immer. Die Leute fuhren zum Einkaufen, gingen ihren Aufgaben nach und lebten ihr Leben einfach weiter. Nichts war anders. Überhaupt nichts.

Plötzlich überkam uns beide – meine Freundin und mich – ein seltsames Gefühl. Eine Art innere Zerrissenheit. Was tun? Wie primitive Sensationsgeile am Carolinum vorbeifahren und gaffen oder die Geschehnisse des vorigen Tages ausblenden, wie der Rest der Stadt? Wir einigten uns wortlos darauf, dass langsames Vorbeifahren an Kerzen, Blumen und Absperrbändern nicht angebracht war.

Am Abend saß ich in einem Café und unterhielt mich mit alten Schulfreunden. Das Gesprächsthema für die erste Zeit war ja fast klar. Vorbestimmt sozusagen. Da saßen wir nun alle. Etwa zwei Straßen entfernt von dem Ort, der durch die Nachrichten lief, wie Werbung zur Primetime. Und alle hatten diesen Zwiespalt. Verdrängen oder sich dem Skandal hingeben. Durch ein Bisschen von beidem schlängelten wir uns durch den Abend.

Die Erkenntnis des Abends, der Tage, Gedanken und Gespräche war die, dass auch Glück im Unglück nichts an der Tatsache des Unglücks änderte. Ein Ereignis wie dieses regte zum Nachdenken an und die Gedanken zogen sich durch alle Themenbereiche. Alle Aspekte des Lebens wurden beeinflusst – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Familie, Freunde, Beruf (einige angehende Lehrer in meinem Umfeld) und natürlich auch die Politik. Zivilcourage und das Bildungssystem…

All das geht an dieser Stelle zu weit, aber bedarf einigen Diskussionen. Und nicht nur unter den Ansbachern, sondern überall.

Fakt ist, dass die Sache in Ansbach mehr oder weniger glimpflich ausgegangen ist. Das sehen die beiden schwer verletzten Mädchen, ihre Familien und die Familie des Täters wahrscheinlich anders. Auch die anderen Schüler des Gymnasium Carolinum haben trotzdem Angst. Ein weniger schrecklicher Bestandteil einer Reihe von Schreckenstaten ist trotzdem eine Teil der Reihe. Eine schreckliche Erinnerung bleibt auch, wenn die Bilder aus den Nachrichten verschwinden.

Und das Unvorstellbare für mich:
Beim nächsten Amoklauf, den es sicherlich geben wird (dank der aktuellen Bildungspolitik), wird meine unschuldige Heimatstadt aufgenommen in die Liste. Dann heißt es in den Nachrichten:
“Ähnlich wie in Erfurt, Emsdetten, Winnenden und Ansbach ist auch am heutigen Schultage ein bewaffneter Schüler…..”
Mein Ansbach ist nun eingereiht in die Kette von Städten mit Stempel. Vor einer Woche konnte man Ansbach googlen und fand – Nichts. Das wird nie wieder so sein.

Reise zu den Antworten

Veröffentlicht in text mit den Tags , am 18. Juni 2009 von verena

Absatz

Flucht ohne Ziel

Das Band schien kein Ende zu haben. Eine Kette von Koffern, die nicht abreißen wollte. Die meisten davon waren schwarz oder dunkelblau. Manche waren grau oder schon so abgenutzt, dass das Schwarz verblichen war. Sie hatten die verschiedensten Formen, aber waren sich alle so ähnlich. Woran erkannten die vielen Wartenden ihren schwarzen Koffer? Sie standen meterweit entfernt und doch liefen sie nach und nach auf das Rollband zu und griffen zielsicher nach ihrem Gepäckstück. Meine Reisetasche konnte ich schon von weitem sehen. Sie war ein Erbstück und leuchtete zwischen den vielen dunklen Rechtecken hervor. Hellbraun, fast schon ockergelb, knittriges Leder und ein paar verschiedene Flicken, die die Löcher aus vergangenen Jahren verschlossen. Wie viele Rollbänder die alte Tasche wohl schon unter sich hatte? Wie oft war sie schon Ehrenrunden gedreht, weil mein Großvater, mein Vater oder ich zu lange vom Gate zur Gepäckausgabe gebraucht haben? Ob es zu Opas Zeiten überhaupt solche Bänder gab? Meine ersten Fragen waren also schon da. Nun galt es die Antworten dazu zu finden.

Nach der ständigen Krise, dem Finanzchaos und der Bürokratie im verregneten Deutschland konnte meine Suche beginnen. Ich habe meinen Job verloren, meine Freundin warf mich nur wenige Tage danach aus unserer gemeinsamen Wohnung und meine Familie war größtenteils verstorben. Was blieb mir da noch? Ich nahm meine gesamten Ersparnisse und setzte mich in das Flugzeug. In Deutschland war mein Kopf voll von Fragen, Ängsten und Plänen, aber kaum war ich hier gelandet, waren diese alle verschwunden. Trotzdem. Ich war hier, um Antworten zu finden. Ich war mir sicher, dass meine Fragen auch zurückkommen und mich weiter quälen werden. Wahrscheinlich musste ich erst zur Ruhe kommen und die Strapazen des langen Fluges wegschlafen. Schlafen. Erst jetzt fiel mir auf wie müde ich war. Gut 32 Stunden ohne ein Auge zuzumachen. Also – keine Zeit verschwenden. Schnell griff ich nach meiner Ledertasche und machte mich auf den Weg zum Ausgang. Als ich durch das alte und rostige Drehkreuz hinausging, stand ich vor einer gigantischen Fensterfront. Dreckig und verschmiert war sie, einige Kratzer und Sprünge hatte sie auch, aber die sternenklare Nacht konnte man trotzdem durch sie hindurch sehen.

Schwül und feucht war die Luft hier. Eine positive Überraschung, denn Wetter.com hatte etwas ganz anderes versprochen. Regen und Wind sollten mich eigentlich am Flughafen abholen, aber stattdessen waren da nur der Mond, die Sterne und ich. Und wenige Minuten später auch ein Taxi. Ich stieg in das rostige gelbe Ungetüm ein und lies mich zu dem fahren, was angeblich ein Hotel sein sollte. Eine bröselige Bruchbude, an der Fensterläden herunterhingen, als würden sie fliehen wollen. Ich gab dem Fahrer 15 Euro und stieg aus. Normalerweise hört man kurz nach dem Aussteigen aus einem Taxi, dass es schnell wegfährt. In Deutschland kann man sogar während der Fahrt die Anweisungen von der Zentrale mithören, wodurch der Fahrer erfährt, wo sein nächster Kunde wartet. Ich drehte mich um und sah den Fahrer an. Er hielt das Geld noch immer in den Händen und begutachtete es sorgfältig. Er rieb es zwischen den Finger, roch daran und hielt es gegen die kleine Lampe an der Wagendecke. Dann sah er mich an, lächelte und fuhr los. Dieses Lächeln war wahrscheinlich die einzige Begrüßung, die ich je wollte. Er sah mich direkt an und sein Lächeln wirkte ehrlich gemeint. Wann bekommt man einen tiefen Blick und ein ehrliches Lächeln von einem Fremden? Ich denke, man bekommt so etwas, wenn man auf dem richtigen Weg ist. Ich sah der gelben Klapperkiste nach bis sie um eine Kurve verschwand.

Leicht angeekelt griff ich nach dem klebrigen Türknauf und drückte die milchige Glastüre auf. Das war also ein Hotel…
Was hatte ich auch erwartet? Ich musste sehr kurzfristig buchen und hatte keine Ahnung wie lange ich bleiben wollte. Dann wollte ich noch ein Hotel, in dem irgendjemand meine Sprache verstand, denn Zeit für einen Sprachkurs hatte ich nicht und mein Englisch beschränkte sich auf Wirtschaftsblödsinn. Ein schrilles Klingeln lies mich vom Türgriff aufblicken und auch etwas zusammenzucken. Dieses seltsame Klimpern kam von einem Bündel aus Metallschellen, Muscheln und bunten Kugeln, das über der Türe angebracht war. Einmal musste ich das Geräusch noch ertragen, denn die Tür musste ja auch wieder geschlossen werden. Die Scharniere quietschten vor Schmerzen, es klimperte und die Tür war zu. Meine Müdigkeit hatte mir scheinbar eine Sinnesverstärkung beschert. Alles schien mir extrem laut und unglaublich schrill. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich ursprünglich aus einer ruhigen und farblosen Welt angereist war. Wie geblendet sah ich mich um. Alles war rot, gelb, grün und pink. Kaum ein Quadratzentimeter der Wand war zu sehen, denn alles war mit Tüchern und Malereien behängt. Laute und langsame Schritte näherten sich und jemand sagte etwas, was sich nun wirklich nicht nach einer Sprache anhörte.

Ich schaute von links nach rechts, nach oben und unten und entdeckte schließlich einen Haarschopf zwischen den wilden Mustern und grellen Farben. Mein Kopf dröhnte, meine Augen brannten und ich hätte nichts lieber getan, als wieder in die dunkle Nacht hinaus zu gehen. Aber da ich dringend Schlaf benötigte und hier bestimmt irgendwo ein buntes Bett auf mich wartete, steuerte ich benommen auf die dunklen Haare zu. Je näher ich kam, desto mehr sah ich von der Person, die noch immer wirres Zeug auf mich einredete. Es war eine kleine Frau, die mit Sicherheit nicht älter war, als sie aussah. Keinen Tag. Ein Tag älter, als ihr aussehen und es wäre der Tag ihrer Beerdigung. Sie war fast schon winzig, hatte ein dermaßen faltiges Gesicht, dass es kaum eine annähernd glatte Fläche gab und ihre Zähne hatten sich irgendwann in den letzten 70 Jahren scheinbar auch verabschiedet. Vielleicht wollten sie ihren eigenen Weg gehen und sich von diesem runzligen Frauchen lösen. Ihre Haare waren unnatürlich dunkelbraun, sicherlich gefärbt. Sie hatte jede Menge davon, denn sie musste ihre Mähne schon mehrfach flechten und trotzdem hingen sie ihr noch bis zur Hüfte. Naja, das mit der Hüfte könnte auch die geringe Körpergröße sein… an einer normalgroßen Frau wäre die Frisur vielleicht auch nicht ganz so seltsam.

Ihren Körper konnte man kaum sehen, denn ihre bunte Kleidung schien mit der Wandfarbe zu verschmelzen. Sie hörte einfach nicht auf zu reden, aber ich verstand kein Wort. Sie bemerkte nicht sehr schnell, dass ich diese so genannte Sprache weder verstand, geschweige denn sprach! Nach einer Weile hörte sie auf zu reden. Ich sah mich weiter um und sie beobachtete mich dabei. Ihr Blick war der einer alten Hexe aus einem Märchen und sie schien wütend. Behutsam ging ich auf sie zu und legte meine Hand auf den Tisch zwischen uns. Ich musste für sie wirken wie ein Riese. Gerade als ich ansetzte etwas zu sagen ging es los. Sie fing an zu schreien und zu kreischen, als hätte sie Todesangst. Erschrocken zog ich meine Hand zurück, lies meinen Koffer los und fuchtelte unschuldig mit den Händen herum. Sie war so laut, dass mein Kopf zu platzen schien. Ihr Mund war so weit offen, dass ich ihre Mandeln hätte sehen können. Nur dumm, dass ich von Medizin keine Ahnung hatte und außerdem von den wenigen Zähnen zwischen den Lücken abgelenkt wurde. Ich begann mich lautstark zu entschuldigen. Ich bat um Vergebung, Verzeihung und Entschuldigung in allen Sprachen, die mir in den Sinn kamen. Warum ich mich entschuldigte? Keine Ahnung. Ich hatte eine kleine, seltsame, alte Frau zum Schreien gebracht. Vielleicht war das hier ja eine Straftat? Ich hatte keine Ahnung und ging den sicheren Weg. Hände fuchteln, entschuldigen und langsam und unauffällig entfernen.

Dieser unglaubliche Krach hatte also einen Sinn gehabt? Natürlich. Frauen schreien meiner Erfahrung nach zwar oft ohne, gelegentlich aber auch mit einem Grund. Es dauerte gefühlte zehn Minuten, bis etwas geschah. Ich war schon relativ nahe am Ausgang (langsam und Schritt für Schritt – Sie hätte ja angreifen können) und die Stimme der alten Hexe wurde auch langsam heiser. Hinter einem Vorhang erschien eine weitere Frau. Allein die Tatsache, dass nicht hinter jedem Vorhang nur Sandstein war, erstaunte mich. Sie war ähnlich klein wie die Hexe, aber wirkte lebendiger. Sie trug ein blaues Gewand, das keinerlei Vermutungen über ihre Figur erlaubte. Sie trug eine Art Kopftuch und so etwas wie einen Rollkragen vor ihrem Kinn. Zwischen dem vielen Blau waren also eigentlich nur ihre Augen und ihre Nase zu sehen. Mit viel Phantasie konnte man auch ihre Lippe erahnen, aber das schien mir in meinem Zustand unmöglich. Es war heiß, laut, meine Augen brannten und ich war so unglaublich müde, dass ich sicherlich in jedem Cartoon schon viele Zzzzzz…. in meiner Gedankenblase hätte.

Die Frau beruhigte die Hexe und schob sie durch den Vorhang in den Nebenraum. Die Alte meckerte, wehrte sich und protestierte so lange, bis der Vorhang wieder geschlossen war. Nun wandte sich die junge Frau mir zu und lächelte, als wäre ihr etwas peinlich. Sie nahm ein dickes Buch in die Hand und schlug es auf. Ohne ein Wort zu sagen blätterte sie es durch und las die seltsamen Zeichen, die scheinbar eine Art Schrift darstellen sollten. Ich begutachtete ihre Hände und die Fingerspitze, die über das Blatt strich. Zeile für Zeile musste die zarte Haut abtasten, bevor sie umblätterte. Jetzt begriff ich erst. Die Frau war blind. Dieses Geschmiere in dem Buch war so dich aufgetragen, dass man es vermutlich mit dem Finger ertasten konnte. Eine Blindenschrift hatte ich hier nun auch nicht wirklich erwartet, aber das waren nun doch harte Bedingungen für ein blindes Mädchen.

„Ich bin André aus Deutschland. Ich habe hier ein Zimmer gebucht.“, sagte ich vorsichtig. Das Mädchen starrte mich an. Keine Ahnung, aber es schien so. Sie wirkte überhaupt nicht, als hätte sie ein Problem mit ihren Augen. Braun und leuchtend waren ihre Augen. Sie stachen zwischen den Blautönen ihrer Kleidung hervor und blickten mich direkt an. „Tut mir leid wegen meiner Großmutter.“, sagte sie. Es wirkte, als hätte sie für diesen Satz schon tagelang geübt. Unnatürlich perfektes Deutsch und ohne jegliche Emotion. „Ihr Zimmer ist im Obergeschoss. Ich werde sie gleich nach oben bringen.“, sagte sie und drehte sich zur Wand. Vorsichtig tastete sie nach den Schlüsseln, die an der Wand hingen und rieb mit dem Daumen über die Anhänger mit den Zahlen. In kleine Holzstücke waren Zeichen eingeritzt und jemand hatte sie bunt lackiert. Ich hielt die Anhänger zuerst für Dekoration, bis ich die kleinen feinen Schlüsselchen daran hängen sah.

Zielsicher nahm sie einen der Schlüssel von seinem Haken und lief um den Tisch herum. Eine Hand lies sie dabei behutsam an der Tischkante entlangstreifen. Nur wenige Zentimeter vor mir blieb sie stehen. Sie Streckte ihre Hand nach vorne, öffnete die Handfläche und wartete. Ich griff in meine Hosentasche und fand ein paar Münzen, die ich ihr auf die Hand legte. Ihre Finger schlossen sich um die Münzen, ertasteten die Form und das Material. Ich wollte gerade nach dem Schlüssel in ihrer anderen Hand greifen, da knallte sie die Münzen auf den Boden. Sie rollten alle in verschiedene Richtungen, als hätten sie sich in der Hand des Mädchens gestritten. Wieder hielt sie mir die Hand hin. Ohne lange nachzudenken legte ich meine Hand in ihre. Zufrieden sank ihr Arm nach unten und sie lief los. Ihre weiche Haut und der sanfte, aber bestimmende Druck lenkten mich vom Laufen ab und so zog sie mich hinter sich her. Erst als ich über eine Teppichkante stolperte und sie stehen blieb, blickte ich auf.
„Können sie nichts sehen? Dann gehe ich langsamer.“
„Schon gut, ich bin es nur nicht gewohnt an der Hand geführt zu werden.“
„Ich wurde jahrelang geführt. Sie müssen nur vertrauen.“
„Aber ich kann doch sehen?“
„Wissen Sie wo ihr Zimmer ist?“
„Nein – ich weiß ja….“
„Na also. Ich schon.“, beendete sie unseren kurzen Stopp vor der Treppe und lief weiter.

Oben angekommen gab sie mir den Schlüssel in die Hand und wünschte mir eine gute Nacht. Ich sah ihr nach, wie sie die Treppe hinunterlief und bewunderte sie ein wenig. Ich bewunderte einen Menschen, dessen Gesicht ich nicht ganz gesehen hatte und mit dem ich nur wenige Worte gewechselt hatte. „Sie müssen den Schlüssel auch benutzen! Oder wollen sie auf der Treppe schlafen?“, rief sie mir zu ohne sich umzudrehen. Ich erwachte aus meiner Bewunderung und wandte mich der Tür zu. Jetzt bemerkte ich auch die Müdigkeit wieder… Den Schlüssel ins Schloss, umdrehen, reingehen, Koffer fallen lassen und umfallen. Ich habe das Bett getroffen – aber quer. Meine Kraft reichte noch, um meine Schuhe abzuschütteln und dann fielen mir auch schon die Augen zu.

Absatz

Geteiltes Leid ist halbe Freude

Bindungsängste? Nein, so etwas habe ich nicht. Ich habe eine funktionierende Beziehung, die mehr oder weniger auf echten Gefühlen basiert. So dachte ich in dem Moment, als meine Freundin mir vorwarf, dass unsere Beziehung eben nicht funktioniere. Oberflächlichkeit, Egoismus und Desinteresse warf sie mir damals vor. Ich würde mich nicht für sie interessieren, sondern nur vor mich hin leben. Das waren ihre Argumente, als sie meinen Koffer und die Umzugskiste voll Kram vor die Wohnungstür schob und meinen Schlüssel klimpernd von seinem Ring am Bund entfernte. Ehe ich mich versah war die Tür geschlossen und ich stand im dunklen Flur des Mehrfamilienhauses. Sogar das Klingelschild hatte sie entfernt. Ich nahm den Koffer in die Hand, die Kiste auf den anderen Arm und ging zum Auto. Ich hatte damals nicht geahnt, dass ich für einige Wochen in meinem Auto leben musste. Ich fuhr die Straße entlang, direkt zum Parkplatz vor meinem Lieblingscafé, und hielt an.

Bei einer großen Schale Milchkaffee dachte ich nach. Nach einer Weile war der Milchschaum zusammengefallen und ich spiegelte mich verschwommen auf der großen runden Fläche. Ein verwischtes Kaffeegesicht, das man mit dem Löffel bewegen konnte. Als der Kaffe bereits mehr als nur Kalt war hatte ich die Zeit damit verbracht über das Kaffeegesicht nachzudenken und meine kaputte Beziehung total vergessen. Auch die Zeit hatte ich vergessen, denn um mich herum saß niemand mehr. Die junge Frau hinter dem Tresen gab mir mit einer Geste zu verstehen, dass sie gleich schließen wolle und fragte mich mit einer Handbewegung, ob ich nun bereit wäre zu zahlen. Ich nickte verwirrt und kramte das Kleingeld aus meiner Tasche. Zurück in meinem Auto dachte ich noch immer an das Kaffeegesicht. Die warmen Brauntöne, das milchige flimmern auf der Oberfläche und die verschiedenen Arten der Verzerrung, die ich mit dem Löffel hervorgerufen hatte. Um mich und meinen Passat war es dunkel geworden. Ich beobachtete die Kellnerin beim Abschließen und sah zu, wie sie in ihren kleinen Fiat stieg und wegfuhr. Nun war ich endgültig alleine. Nur ich, mein altes Auto und das verschwommene Kaffeegesicht in meinem Kopf.

Mit zurückgestellter Sitzlehne und ein bisschen Musik aus dem Radio war es nicht unbedingt schrecklich in meinem Auto. Ich hatte meine Jacke auf einen der Kleiderbügel aus der Kiste gehängt und an den Griff über der hinteren linken Tür gehängt. Das Foto von mir und meiner Freundin stand auf dem Armaturenbrett und Zahnbürste und Waschzeug hatte ich im Handschuhfach verstaut. Meine Klamotten waren vorerst im Kofferraum gelandet, denn dort konnte dank der Abdeckung niemand das Chaos erkennen. Ein paar Bücher lagen auf den Rücksitzen verteilt und mein Filmposter von „Kill Bill“ hatte ich an den Wagenhimmel geklebt. Alles in allem war es sehr gemütlich. Ich freute mich insgeheim darüber, dass ich die Getränkehalter und das Unnötige Fach unter dem Radio nicht anderweitig genutzt hatte, wie es meine Freundin immer wollte. „Mach doch einen CD-Player in das Fach rein.“ Hatte sie jedes Mal gesagt, wenn sie in den Passat stieg. „Da bei dem Getränkehalter wäre doch Platz für eine Freisprechanlage für dein Handy!“ hat sie ständig genervt. Wenn sie wüsste, dass in dem Getränkehalter nun tatsächlich ein Getränk und in dem unnötigen Fach nun mein Wecker und ein Kistchen mit Kram stand. Erst jetzt bemerkte ich in meinen Gedanken, dass ich sie noch immer meine Freundin nannte. Ich nahm einen Filzstift aus dem Kistchen im unnötigen Fach und griff nach dem Foto. Ich schrieb ein deutliches EX- über ihren Kopf und begutachtete mein Werk, als wolle ich ein Lob von mir selbst dafür. Anschließend klappte ich die Rückenlehne noch etwas weiter nach hinten und schlief ein.

* * * * *

Als ich am nächsten Morgen aufwachte wusste ich nicht sofort wo ich war. Keine Uma Thurman mit Hattori-Hansen-Schwert über mir und kein Pizzakarton auf dem Beifahrersitz. Nach wochenlangem Hausen in meinem Wagen war das die erste Nacht in einem richtigen Bett gewesen. Und sie war wirklich gut. Kein Ziehen in der Schulter, keine eingeklemmten Füße zwischen Bremse und Gaspedal und das Beste: Keine Blicke von Menschen, die an den Fenstern vorbeigehen. Frisch und munter sprang ich aus dem Bett und steuerte direkt ins Badezimmer. Nach einer ausgiebigen Dusche zog ich mir eine Jeans und ein verwaschenes schwarzes Shirt an und setze mich zum Anziehen der Schuhe auf die Bettkante. In diesem Moment stolperten mir die Worte meiner Exfreundin zurück in den Kopf. Vielleicht hatte ich doch ein Bindungsproblem? War ich egoistisch? Hatte ich mich wirklich für sie interessiert? Ich zog meine Schuhe wieder aus und ließ mich rückwärts aufs Bett fallen. Mit geschlossenen Augen und den Händen unter dem Kopf begann ich zu überlegen. Die Fragen kamen wieder und ich war hier um sie zu beantworten. So verbrachte ich den ganzen Tag damit, mir Fragen zu beantworten, die ich mir Wochen vorher gestellt und dann wieder vergessen hatte.

Ich kam nach der Arbeit nach Hause und berichtete von meinem Tag. Ich erzählte von meinen Kollegen, dem Stress, den Problemen. Ich wollte von ihr aufgefangen werden. Ich wollte meinen Frust verdrängen und zerrte sie mit zu meinen Ablenkungen. Ich war das Sorgenkind, das schwarze Schaf und sie mein Kummerkasten und mein Alleinunterhalter in schlechten Zeiten. An guten Tagen kam ich spät nach Hause, ging mit Kollegen feiern, gönnte mir ein gutes Essen und verstand ihre schlechte Laune nicht. An diesen guten Tagen nervten mich ihr ausdrucksloses Gesicht, ihre abwertenden Worte und ihre Eifersucht. Sie beschwerte sich ständig darüber, dass ich nur die Probleme mit ihr teilen würde und sie niemals an positiven Dingen teilhaben ließe. Rückblickend hatte sie wohl Recht.

Sie war meine Müllkippe, mein Retter in der Not und mein Kummerkasten. Spaß hatte ich nur ohne sie. Aber warum? Ich habe oft festgestellt, dass sie an meinen Freuden keinen Spaß hatte, aber lag es wirklich an ihr? Vielleicht teilt man lieber die Sorgen, als die Freuden? Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ist geteilte Freude dann auch halbe Freude? Aus meiner Sicht, in dieser Beziehung und zu dieser Zeit war es wohl so. Die wenige Freude, die ich hatte, wollte ich nicht auch noch teilen. Hätte ich es versucht, dann hätte ich vielleicht feststellen können, dass geteilte Freude doppelte Freude sein kann. Aber worüber habe ich mich denn gefreut? Was war meine Freude? Es waren die erfolgreichen Aufträge, die Sonderzahlungen und die Überstunden, die ich abfeiern konnte. Nichts davon hat ihr Freude bereitet, denn sie hatte nichts von dem Erfolg, dem Geld oder der freien Zeit. Alles banales Zeug, das niemandem etwas bringt, wenn der andere es für sich behält. Hätte ich Geld und Zeit in einen gemeinsamen Urlaub investiert, dann wäre aus der geteilten Freude sicherlich doppelte Freude geworden. Aber nun ist es zu spät.

Es gibt keine Bonusschecks, keinen Urlaub und keine gemeinsame Zeit mehr. Ich habe die gemeinsamen Freuden verhindert und meine Freundin mit meinem grenzenlosen Egoismus und meinen Probleme zu lange belastet. Mir war nicht klar, dass ein Kummerkasten irgendwann voll ist. Auch ein Müllberg ist nach einer Weile so hoch, dass er in sich zusammenfällt. Ich habe dafür gesorgt, dass sie in sich zusammenfällt. Und an dem Tag, als sie anfing mit einer Schaufel nach ihrem Leben und ihrem Vergnügen zu graben, habe ich nichts verstanden. Mittlerweile kann ich nachvollziehen warum meine Koffer und Kisten vor der Tür standen. Sie hat meine Sachen rausgeschaufelt und angefangen den Berg abzubauen. Im Nachhinein weiß man alles besser. Die Einsicht nach dem Ende ist jedoch kein besonders gutes Gefühl. Ich sollte mit offenen Augen durch die Welt gehen und schon in der Gegenwart über solche Dinge nachdenken. Oberflächlichkeit und Egoismus sind Eigenschaften, die einem zufliegen und dann langsam wachsen – man kann es aufhalten, wenn man es erkennt. Immun ist niemand, aber aufmerksame Menschen werden nicht chronisch infiziert, sondern haben nur kurze Phasen und Anfälle. Dann beginne ich am Besten jetzt gleich die Symptome zu bekämpfen. Der frisch entstandene Kloß im Hals und die Schuldgefühle sind vielleicht schon der erste Weg zur Besserung?

Meine Schuldgefühle, die Feinde Egoismus und Oberflächlichkeit, der Kloß im Hals und ich erhoben uns vom Bett. Schuhe binden, Augen reiben und Shirt zurechtziehen. Los geht’s! Auf mich wartete ein neuer Tag in einer fremden Welt. Ein neues Leben mit neuen Menschen. Und meine erste Ohrfeige von der Vergangenheit hatte ich auch hinter mir. Ich nahm meinen Zimmerschlüssel vom Nachttisch und ging zur Türe hinaus.

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Schöne fremde Welt

Am Empfang war niemand zu sehen. Keine irre Alte und kein geheimnisvolles Mädchen. Aus dem Nebenraum kamen Stimmen, Musik und eine feiner Geruch nach Curry und Ingwer. Ohne Aufmerksamkeit zu erregen verließ ich das Hotel und trat auf die Straße. Menschenmengen tummelten sich um kleine Stände eines Marktes. Lautstark feilschten braungebrannte, faltige Frauen um Tomaten und Gewürze. Zwischendrin stand ein junger Mann mit einer Gitarre und sorgte für die Begleitmusik zu diesem wilden Einkaufskrieg. Hunderte Menschen schoben sich durch die enge Gasse und versuchten an der einen oder anderen Bude zu stoppen, um einen Blick auf die Auslageware zu erhaschen. Ohne lange zu zögern stürzte ich mich in die Menge und ließ mich von ihr tragen. Es fühlte sich ein wenig an wie Stage-diving. Ich kann nicht sicher sagen, ob meine Füße den Boden berührten, aber es war ein tolles Gefühl. Unzählige Menschen, die in dieser seltsam rhythmischen Sprache schrieen, alles begleitet von Gitarrenmusik und leisen Trommeln. Wie in Trance legte ich Meter um Meter zurück ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Ich hatte kein Gefühl für Zeit oder Geschwindigkeit. Ich hörte nicht ein Wort, dass ich verstand. Mein Shirt klebte schweißnass an meinem Rücken, aber ich konnte nicht sicher sagen, ob es mein Schweiß war oder nur die hitzige Menge.

Plötzlich packte jemand meine Hand und zog daran. Ich sah mich verwirrt um, konnte aber nicht erkennen woher die Hand kam. Ich sah viele Gesichter, aber niemand sah mich wirklich an. Ein Mann mit Hakennase und Bart sagte etwas zu mir, aber ich konnte ihn nicht verstehen. Eine Plastiktüte voll mit Gemüse streifte meine Wange und die Frau, die sie über dem Kopf trug, schaute mich freundlich an. Noch immer zog etwas an meiner Hand und es fühlte sich immer kräftiger und schwerer an. Ich versuchte meine Hand aus diesem Griff zu lösen, aber nun klammerte sich dieses unsichtbare Etwas um mein Bein. Mit diesem Klotz am Bein bahnte ich mir einen Weg durch die Menge und humpelte hinter einen der Stände. Kaum war ich aus der Menge herausgetreten erkannte ich den Klotz am Bein. Es war ein kleiner Junge, der weinte. Er umklammerte mein linkes Bein und schlank seine dünnen Beinchen um meinen linken Unterschenkel. Am Straßenrand war das Getümmel etwas durchsichtiger. Ich nahm die Hand des Jungen und zog ihn an den Menschen vorbei, bis wir an einem relativ stillen Ort waren. Hinter dem Stand mit den Nüssen und Mandeln war es ruhiger und schattig. Dann ging ich in die Knie und sah ihn an.

Er weinte noch immer und hatte einige Schürfwunden im Gesicht und an den Armen und Beinen. Er war von der Menge überrannt worden und hatte scheinbar seine Mutter aus den Augen verloren. Ich fragte ihn nach seinem Namen und seinen Eltern, nach seinem Zuhause und seinem Alter – aber er verstand kein Wort. Er sah mich mit seinen großen braunen Augen an und schniefte die letzte Träne weg. Ich legte meine Hand auf meine Brust und sagte meinen Namen. Danach versuchte legte ich sie ihm auf das fleckige Shirt und wartete auf einen Laut. Dieses Szenario wiederholte ich einige Male, bis er schließlich verstand. Seine kleine Hand zupfte an dem roten Stoff seiner Kleidung und er sagte „Bao“. Und so kam es, dass Bao und André zusammen durch den Markt marschierten. Den kleinen Bao setzte ich auf meine Schultern, sodass er über alle Menschen hinwegsehen konnte. Ich war mit sicher, dass er irgendwann seine Mutter oder seinen Vater erkennen würde. Wir konnten nicht miteinander reden, aber ich war fest davon überzeugt, dass wir einen gemeinsamen Plan hatten.

Er vergrub seine kleinen Hände in meinen Haaren und blickte sich sorgfältig um. Unten kämpfte ich mich durch die Menge und balancierte unser beider Gewicht über die holprigen Steine und an den vielen Menschen vorbei. Ich bemerkte, dass sein Magen knurrte – schließlich drückte er seinen Bauch kräftig gegen meinen Kopf, um nicht rückwärts runter zu fallen. Ich steuerte also zielsicher auf den Stand mit den Broten zu hob Bao von meinen Schultern. Seine Augen funkelten bei dem Anblick der vielen Leckereien und er sah mich fröhlich an. Auf seiner Wange waren noch immer die getrockneten Spuren seiner Tränen, aber sein Gesicht zeigte kaum mehr Traurigkeit. Ich zeigte auf ein Gebäck mit Sesam und Kümmel und sah ihn an fragend an. Er schüttelte den Kopf und zeigte dann auf eine knusprige Gebäckstange mit Nüssen und Zuckerguss und lächelte. Ich gab den Verkäufer zu verstehen, dass ich gerne zwei von den Nussteilen haben wollte und er gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, wie viel ich zu bezahlen hatte. Ich hatte keine Ahnung von der Währung dieses Landes, also gab ich dem Mann einen 5-Euro-Schein und zuckte mit den Schultern. Er nahm mir das Geld aus der Hand und gab mir ein paar alte und klebrige Münzen dieser seltsamen Währung als Wechselgeld zurück. Ich achtete nicht darauf und steckte das Kleingeld in meine Hosentasche. Bao nahm mich an die Hand und zerrte mich in eine kleine Seitengasse. Ohne zu überlegen ging ich mit ihm mit und fand uns beide mit unseren süßen Stangen zwischen zwei verfallen Häusern wieder. Bao kletterte eine Feuerleiter nach oben ohne darauf zu schauen, ob ich ihm folgte.

Da saßen wir nun also, in etwa 4 Metern Höhe, die Beine frei in der Luft baumelnd und aßen das Gebäck. Es war so klebrig und süß, so voll mit den verschiedensten Nüssen und doch so lecker. In Baos Gesicht konnte ich erkennen, dass er den Geschmack auch sehr mochte. Er sah mich nicht an, sondern starrte konzentriert auf die Marktstraße. Wir hatten von diesem Plätzchen aus einen wirklich guten Blick auf das Gedränge.

Nach einer Weile wurde Bao nervös. Er sprang auf, sah mich an und zeigte mit dem Finger auf die Menge. Was auch immer er sagte, ich verstand kein Wort außer „Mama“. Ich nahm ihn an die Hand und wir hechteten die Treppe hinunter. Mit Schwung platzierte ich das Fliegengewicht wieder auf meine Schultern und lief in die Richtung, die mir sein Finger wies. Wie eine Kompassnadel über meinem Kopf schwenkte sein kleiner Arm von links nach rechts und führte uns durch das Chaos. Auf einmal fasste Bao einem Mann an den Kopf und schrie lauthals los. Der Mann drehte sich um und sein Gesichtsausdruck verwandelte sich im Bruchteil einer Sekunde. Auch er begann in diesem Kauderwelsch etwas zu rufen und kurz darauf stand eine kleine Frau mit Kopftuch neben ihm. Auch sie begann sofort wirre Worte zu rufen und griff nach dem kleinen Jungen.

Mit einem Ruck war Bao von meinen Schultern gezogen und fiel seiner Mutter um den Hals. Mitten in der tosenden Menge stand die zeit plötzlich still. Alle bewegten sich langsamer, der Lärm war völlig verschwunden und ich sah zu, wie die Frau dem kleinen Bao zärtlich über den Kopf strich. Er schloss die Augen und drückte sein Gesicht an dem Hals seiner Mutter. Der Vater legte seine Arme schützend um die beiden, um das Gedränge einen Moment fernzuhalten. Man sah ihm die Erleichterung an. Dieser Moment berührte mich auf eine Art und Weise, die mir absolut neu war. Ich war nie ein Familienmensch gewesen und hatte auch nie ein gutes Verhältnis zu Kindern. Aber in diesen Sekunden fühlte ich mich dieser kleinen Familie sehr nahe. Ich kannte niemanden von ihnen. Ich verstand kein Wort, aber in ihren Gesichtern verstand ich alles. Der Vater nahm Bao in den Arm und ging davon. Die Mutter packte mich am Arm und zerrte mich in hinter sich her. Diesen Zerren an anderer Leute Gliedmaßen schien in der Familie zu liegen…

Am Abend saß ich in einer kleinen Wohnung irgendwo am Ende der Welt. Ein großer ovaler Tisch, der komplett mit den verschiedensten Speisen bedeckt war, füllte den Raum bis auf wenige Quadratmeter aus. Um den Tisch herum saßen acht Menschen, die ich noch die gesehen hatte, Bao, seine Eltern und ich. Ehe ich mich versah war mein Teller großzügig beladen und alle um mich herum aßen und redeten. Es wirkte wie ein kleines Fest, aber doch gemütlich und intim. Eine Frau am anderen Ende des Tisches sprach mich an und wartete geduldig auf eine Antwort. Fragend sah ich mich um und versuchte zu erklären, dass ich ihre Sprache nicht verstand. Doch Bao sprang für mich ein und erklärte der Frau scheinbar das, was ich nicht aussprechen konnte. Sie nickte, lächelte und legte die Hand auf ihre Bluse. Dann sagte sie „Mara“ und sah mich wieder erwatungsvoll an. Und so stellten wir uns alle einander vor. Diese Menschen waren so aufgeschlossen, bemüht und freundlich, dass ich es wirklich bedauerte ihre Sprache nie gelernt zu haben.

Auch das Essen war außergewöhnlich und trug einen Teil zu der besonderen Stimmung bei. Gemüse, Fleisch, Reis und Obst in allen Variationen. Gekocht, gebraten, gegrillt oder roh. Manches scharf, anderes süßlich und mild. Diese Mischung aus allen Geschmacksrichtungen und aus den verschiedenen Lebensmitteln war wie ein Spiegelbild der Menschen, die sie verzehrten. Alles so durcheinander, so laut, so bunt. Ich genoss den Abend wirklich sehr. Als Bao mir bei der Verabschiedung eines seiner selbstgemalten Bilder schenkte, war ich endgültig zufrieden. Ich hatte nichts Besonderes getan, aber sie waren so dankbar. Alle bedankten sich bei mir, die Mutter küsste mich auf die Wange und der Vater klopfte mir auf die Schulter.

Als sich die Tür hinter mir schloss und ich mit dem Stück rissigem Papier auf der Straße stand, fühlte ich noch immer die Stimmung des Abends. Ich rollte das Bild zusammen und lief los. Die Marktstraße war so gut wie leer. Ein paar Menschen liefen durch die Gassen, aber die Stände waren verschwunden. Nach etwa einer Stunde kam ich am Hotel an. Ich nahm noch einmal einen tiefen Atemzug der Nacht und ging hinein. Die Alte stand hinter dem hohen Tisch und warf mir einen verachtenden Blick zu. Ich nickte ihr freundlich zu und ging nach oben in mein Zimmer. Mein Bett war gemacht, meine Handtücher zusammengelegt und eine frische Flasche Wasser stand auf meinem Nachttisch. Ich warf mich auf das Bett, rollte das Bild auf, das mir Bao überreicht hatte und sah es an. Ein Schmunzeln zuckte über meinen Mund und ich konnte nicht anders, als mit dem Finger über das knittrige Papier und die Zeichnung zu streichen…

Fortsetzung folgt…

Kill Somethin’ / Wohin mit der Wut?

Veröffentlicht in text mit den Tags , am 18. Juni 2009 von verena

Kill Somethin’

kill somethin

Jeder hat einmal einen schlechten Tag. Oder zwei. Vielleicht auch drei. Aber wer leidet darunter? Irgendjemand. Irgendetwas. Ist ja auch egal…
Wut trifft oft die Falschen.
Ein Problem, das beschäftigt.
Kummer, unter dem man leidet.
Wut, die kein bestimmtes Ziel hat.
Und Aggressionen, die raus müssen.
Eine Person oder Situation hat diese Gefühle ausgelöst, ist aber nicht erreichbar.

Wenn es der Chef war, dann kann man seine Wut nicht an ihm auslassen. Wenn es in einer Fernbeziehung Streit gibt, dann leiden die darunter, die nicht fern sind. Enttäuschung, Wut, Angst und jede andere Gefühlsregung braucht ein Ventil.

Unkontrollierte Menschen gehen auf die Straße und pöbeln fremde Menschen an. Am falschen Preis ist die Kassiererin schuld, alle anderen Menschen parken schlecht ein, hätte der Mann auf seinen Weg geachtet, dann hätte es nie einen Zusammenstoß gegeben. Alle haben Schuld. Die Welt ist ungerecht.

Andere streiten grundlos mit Freunden, Familie oder dem Partner. Unzufriedenheit ist Fremdverschulden. Ist ja ganz klar. Und wenn die Mitbewohner dann auch noch nicht abspülen wollen, dann ist das der Plan des Teufels, der das Leben zerstören will.

Nach einer Weile geraten solche Menschen an einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr zu geben scheint.
Wut, die die falschen Menschen trifft.
Streitereien, die zu keiner Besserung führen.
Mehr Probleme, für die es keine Lösungen gibt.
Wohin mit dieser Wut? An die richtige Adresse? Nahezu unmöglich. Aus den verschiedensten Gründen empfängt nur sehr selten derjenige die Wut, der sie verdient hat. Ausreden, Argumente und Entschuldigungen, aber der wirkliche Grund ist einfach nur die Angst.

Wie reagiert der Chef? Was sagt der Partner dazu? Was hat das für Folgen für mich?

Wichtiger ist es jedoch über andere Folgen nachzudenken. Was folgt, wenn man ständig die Freunde als Ventil benutzt? Wie viel kann die Familie aushalten?

Fakt ist: Lässt man die Wut an denen aus, die sie verdient haben, kann das Folgen haben. Aber dann sind Freunde und Familie da. Vergrault man jedoch Freunde und Familie, weil man Angst vor dem richtigen Empfänger hat, so steht man irgendwann alleine da.

Nicht irgendwer oder irgendwas hat Schuld an der Wut, sondern meist bestimmte Personen und der Mangel an Selbstkontrolle, Toleranz und Verständnis. Es sind nur sehr selten die, die unter der schlechten Laune, der Wut und der Enttäuschung leiden müssen. Und diejenigen sind irgendwann sehr enttäuscht.

Bildungsstreik Würzburg / Studiengebühren und G8

Veröffentlicht in photo 2009, text mit den Tags am 17. Juni 2009 von verena

Endlich sind die Schüler und Studenten auf die Straße gegangen und haben mal ihre Meinung gesagt…

Dabei ging es nicht nur um Studiengebühren und das verhasste achtstufige Gymnasium, sondern um die allgemeine Situation für Jugendliche und ihre ungewisse Zukunft. Auch die Kurzarbeiter, Arbeitslosen und alle anderen Opfer dieser Krise wurden aufgefordert mitzumachen und ihre Meinung zu sagen – und um für ihre Zukunft einzustehen. Zusehen, jammern und abwarten hat schon lange keinen Sinn mehr…

Bachelor und Master üben einen derartigen Druck aus, dass ein Jugendleben kaum mehr möglich ist. Und dann ist ein deutscher Bachelor im Ausland keinen Penny wert! Studiengebühren werden dafür verwendet, mehr Platz für Studenten zu schaffen, die dann wieder bezahlen und Geld bringen. Mehr Dozenten oder eine vernünftige Organisation ist da aber noch lange nicht inbegriffen.

Man MUSS eine hohe Anzahl an Lehrveranstaltungen besuchen, ist aber gezwungen sich um die Teilnehmerplätze zu prügeln. Man sitzt von morgens um 8 bis abends um 8 in der Uni, isst zwischendrin kurz ein Brötchen, rennt nach Hause und lernt für den nächsten Tag. Und dann hört man “Ach, die Studenten haben doch nix zu tun…” – und diejenigen, die diesen Terror nicht mitmachen wollen, können oder nicht alles in der vorgeschriebenen Zeit schaffen – die sind ohen Abschluss raus. Ist das fair?

Auch Schüler haben sich gegen die Drohungen ihrer Lehrer und Direktoren durchgesetzt und sind mitgelaufen. Gegen Büchergeld, gegen das G8 und FÜR DIE BILDUNG. Bildung, die umsonst (oder wenigstens billiger) sein sollte. Bildung, die jedem zugänglich sein muss. Bildung, die nicht zwingt, sondern Chancen bietet. Und Bildung, die fair ist.

Hoffentlich hat es etwas gebracht, dass heute mehr als 4000 Menschen durch Würzburg gezogen sind und ihre Meinung gesagt haben. In Berlin sollen es 30 000 gewesen sein und deutschlandweit um die 200 000. Jeder hat für sich und seine Zukunft geschwitzt und dabei die vielen Jugendlichen unterstützt, die keine Chance bekommen. Warten wir ab, ob es eine Veränderung gibt. Wenn nicht, dann gibt es bald den nächsten Bildungsstreik und natürlich noch mehr Bilder und Text von mir…

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i

Veröffentlicht in text mit den Tags , am 17. Mai 2009 von verena

neid

Das berühmte Tüpfelchen auf dem i …
…oder: Wie Erfolg zum Ende führt.

Jemand hat Erfolg. Ich bin es nicht. Wenn der Erfolg genau denjenigen heimsucht, den man eigentlich liebt, dann wird alles kompliziert. Eine Geschichte über Neid, Liebe und den Erfolg einer Zerrissenheit.

Er hat genau das, wonach ich seit Monaten suche. Sein Leben verläuft in geregelten Bahnen, meines dagegen ist täglich neu verwirrt. Ich bin täglich neu verwirrt. Vor ihm liegt eine sichere Zukunft, aber meine Pläne reichen nicht weiter als ein paar Stunden. Natürlich freue ich mich für ihn. Das macht man ja so, oder? Man freut sich für seine Lieben und gönnt ihnen das Beste vom Besten. Wenn man dabei selbst auf der Strecke bleibt ist das jedoch nicht einfach.

Geschichten und Anekdoten über das neue Highlight in seinem Leben. Neue Menschen, die nur er kennen lernen darf. Aufgaben, die er erledigen darf. Stunden jeden Tag, die er erleben darf. Pflichten, die er erfüllen muss. Probleme, die er gerne lösen will. Dagegen meine Einsamkeit, Langeweile, Hoffnungslosigkeit und Ziellosigkeit. Ich war nicht neidisch oder eifersüchtig. Ich war beides. Und das im höchsten Maße. Wie kann jemandem das Glück einfach so in den Schoß fallen und ich musste Tag für Tag dafür kämpfen? Wie konnte er nach einer winzigen Bemühung bekommen was er wollte und ich tappte noch immer im Dunkeln?

Nach den ersten Wochen wollte ich keine der Geschichten mehr hören. Ich fragte nicht mehr nach, wenn mir ein Name aus einer Anekdote fremd war und ich schreib keine Hab-einen-schönen-Tag-SMS mehr. Ich zeigte keinerlei Interesse an dem, was er Tag für Tag mindestens 8 Stunden lang erlebte. Ich fragte nicht danach und ich unterbrach ihn, wenn er begann zu erzählen. Im Gegenzug wollte ich aber auch nichts von meinem langweiligen und trostlosen Alltag erzählen. Im Vergleich zu seinem Leben sah es so nichtig aus. Ich traute mich nicht vor Mitternacht zu gähnen, denn ich hatte ja lange nicht so einen anstrengenden Tag gehabt wie er. Ich hatte diese Verpflichtungen nicht. Ich hatte aber auch nicht diese Zukunft vor mir. Keine Sicherheit.

Wochenlang würgte ich Erzählungen ab, spielte seine Karriere herunter und verschwieg meine knittrigen Bewerbungen, die mit einem Absageschreiben in den Briefkasten gestopft waren. Irgendwann redeten wir dann kaum noch. Bedrückendes Schweigen am Telefon, banale Gespräche ohne Blickkontakt, wenn wir zusammen waren. Worüber sollten wir auch reden? Ich erlebte so gut wie nichts und wollte nicht hören, was er erlebt hatte. Da blieb nicht viel übrig…

Eines Tages kam dann der erwartete Vorwurf. Ich würde mich nicht für das interessieren, was er machte. Ich wäre verschlossen und nur noch schlecht gelaunt. Das wäre der passende Zeitpunkt gewesen ihm von meiner inneren Zerrissenheit zu erzählen. Mein grenzenloser Neid, der mir die Freude über seinen Erfolg absolut verbaute. Ich hätte ihm davon erzählen könne, dass ich Zukunftsängste und finanzielle Probleme hatte. Ich hätte und hätte und hätte…

Leider war ich dazu nicht in der Lage. Eifersucht und Neid sind Gefühle und Zustände, die sich extrem schnell auf allerlei Lebensbereiche ausbreiten können. So kam es, dass ich neidisch war, weil ich nicht diejenige war, die das Thema angesprochen hatte. Ich war nicht so mutig wie er. Kein Erfolg, nichts als Neid und keinerlei Freude für den Erfolg desjenigen, den ich liebte. Und dazu kam dann auch noch die Unfähigkeit das zuzugeben. Also stritt ich alles ab. Wenn wir Frauen etwas können, dann Dinge abstreiten. Und Tatsachen verdrehen. Überzeugender als je zuvor begann ich ihm seine Fehler vorzuführen und ihm schwachsinnige Dinge an den Kopf zu werfen. In meiner Version war es nicht ich, die kein Interesse zeigte, sondern er, der verschlossen war und mir nichts erzählen wollte. Nach gefühlten 50 Streitereien, in denen ich natürlich nie erwähnte was ich wirklich fühlte, kam es dann zur Trennung. Und in meiner Welt war natürlich ich im Recht gewesen.

Nach einiger Zeit und einem geistigen Wachstum von etwa 7 Metern kann ich nun meine Fehler zugeben. Ich kann offen darüber sprechen, dass ich eifersüchtig war. Ich freue mich sogar manchmal über seinen Erfolg (und das nicht nur, weil man das so macht). Leider ist es zu spät, um an seinem Erfolg auf irgendeine Weise teilhaben zu können und ich musste einsehen, dass es zu einem nicht unbedingt kleinen Teil meine Schuld war. Es war nicht der einzige Trennungsgrund, aber ein Bestandteil und vielleicht sogar das Tüpfelchen auf dem i. Und ich war diejenige, die den Punkt über den Strich gesetzt hatte. Ein kurzes Aufsetzen des Stiftes auf dem Papier, aber doch so wichtig für das Verständnis. Ohne diesen Punkt hätte man es beim späteren Lesen vielleicht nicht verstanden und nicht daraus gelernt.

meine Texte für Newworks

Veröffentlicht in text mit den Tags , am 29. April 2009 von verena

Während meines Praktikums bei der Newworks Design Group habe ich die verschiedensten Aufgaben erledigt – unter anderem habe ich auch die Blogposts für sie geschrieben. Hier sind sie nun alle zusammen aufgeführt…und auch heute schreibe ich von Zeit zu Zeit noch Pressemitteilungen und Texte für die Website.

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Gmund Menu Collection

Nachdem wir seit Jahren auf Speisekartenerstellung für Sterneköche und Luxushotels spezialisiert sind, machten wir es uns zur Aufgabe eine Speisekartenserie zu entwerfen, deren Qualitätsniveau genau dieser hochrangigen Gastronomie entspricht. Kompromisslosigkeit in der Feinheit und schlichte Eleganz bilden neben der Funktionalität den Kern unserer handgefertigten Collection. Einige Bilder haben wir Ihnen hier vorbereitet:

Gmund Speisekarte

In dieser handgefertigten Speisekarte finden bis zu 10 DIN A4 Einlageblätter ihren Platz. Die Erfüllung der höchsten Ansprüche erreichen wir durch handgeschöpftes Japanpapier für die einzelnen Seiten und die außergewöhnliche Einlagetechnik. Wir bieten selbstverständlich ein persönliches Gespräch, kompetente Beratung und weitere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Karte an individuelle Ansprüche anzupassen.

Gmund Menükarte

Die Menükarte – ein Muss für jeden Spitzenkoch – bildet den Kern der Collection und ist in zwei Ausführungen erhältlich. Eine Variante umfasst zwei DIN A4 Blätter, während eine Kleinere für Einlagen in DIN A5 geeignet ist. Diese Karte überzeugt in beiden Größen durch Design und Qualität. Selbstverständlich kann sie auch als Dessert-, Frühstücks-, oder Sonderkarte eingesetzt werden.

Gmund Weinkarte

Um die Speisen hat man sich bereits gekümmert aber wohin mit den leckeren Edeltropfen? Weil so manche Sommeliers über 1.000 Positionen führen, konzipierten wir diese Ausführung einer Weinkarte. Auf 26 DIN A4 Seiten werden die Schätze des Weinkellers stilgerecht präsentiert statt aufgelistet. Auch andere Formatvarianten sind auf Anfrage möglich.

Gmund Dessertkarte

Eine kleine Karte für die süßen Gaumenfeuden, die den krönenden Abschluss eines jeden Menüs darstellen. Hier rückt der Gourmet seine Desserts auf zwei Einlageblättern im Format 210 x 210mm in das perfekte Licht – Platz genug für Kaffees und Digestivi. Das einfache Wechseln der Einlagen für inhaltliche Änderungen macht unsere gesamte Collection nicht nur formschön, sondern auch praktisch.

Gmund Barkarte

Eine edle Barkarte darf in keinem Luxushotel fehlen. Damit bringt der Barmann seinen Gästen sowohl klassische Cocktails, als auch Biere und AFG näher. Zwei Einlagen der Höhe DIN A3 (längs halbiert) bieten zudem noch ausreichend Platz für ausgewählte Spirituosen und Weine
Der Abschluss eines schönen Abends?

Gmund Rechnungsfolder

Und was kommt nach dem perfekten Menü? Das i-Tüpfelchen nach dem besonderen Dinner bietet der Gmund Rechnungsfolder – selbstverständlich mit eigenem Logo veredelt. Nicht nur Speisen können edel präsentiert werden, auch Zahlen kann man dem Gast geschmackvoll überreichen.

Der Link zu diesen kurzen Texten darf hier aber auch nicht fehlen, denn die Bilder dazu kann man nur bei Newworks ansehen. Es lohnt sich!

Newworks/GMC

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GRAND DESIGN FÜR HAUTE CUISINE
HANDGEFERTIGTE SPEISEKARTEN FÜR STERNEKÖCHE UND LUXUSHOTELS

Die Newworks Design Group entwirft eine Kollektion von Speisekarten für Sterneköche und Luxushotels und setzt damit den Anspruch auf elegantes Design im Speisekartenbereich für die Spitzengastronomie konsequent um.

Um den Anforderungen von Sterneköchen und Luxushotels gerecht zu werden, setzte das Newworks Speisekarten-Atelier auf Feinstpapier in bester Qualität. Dafür kam niemand Geringerer als die Büttenpapierfabrik Gmund in Frage, die sich bereits 1829 bei ihrer Gründung der Herstellung feinster Papiere für besondere (Qualitäts-)Ansprüche verschrieb.

Hohe Maßstäbe werden nicht nur bei der Auswahl erlesener Materialien gesetzt, sondern auch bei der umweltfreundlichen Veredelung der Firma Paperlux™ in Hamburg. Mit ihrem patentierten und einzigartigen Papiergravurverfahren können Logos, Illustrationen und Schriftzüge in gestochen scharfe 3D-Gravuren auf die Karten übersetzt werden.

Kompromisslose Feinheit und elegante Funktionalität bilden den Kern der Kollektion, die aus fünf Karten und einem Rechnungsfolder besteht. Diejenigen die sich etwas anderes als die sich in der Auswahl befindlichen Menü-, Speise-, Wein-, Dessert-, und Barkarten wünschen, kommen auch auf ihre Kosten. Das Speisekarten-Atelier unterstützt Spitzengastronomen mit originellen, kreativen Lösungen und erstellt auch gerne individuelle Konzepte.

Auf der Newworks-Website gibt es zahlreiche Infos über die Gmund Menu Collection, sowie Abbildungen, eine Info-Broschüre zum Herunterladen und ein Bestellformular für Kartenexemplare – sogar mit eigenem Logo. Weitere Details und eine ausführliche Beratung erhalten Sie bei der Newworks Design Group.

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Sechs Wochen und ein bleibender Schaden

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Zwei Männer an einem Tisch, ihre Blicke auf die Monitore gerichtet. Meine knittrige Bluse, die unpassende Jeans und das zu späte Erscheinen der Praktikumsbewerberin wurde scheinbar kaum bemerkt. Ich wurde herzlich begrüßt mit den Worten “Du bist also die neue Praktikantin?” Ein paar Mails hin und her geschickt und schon hatte ich den Platz? Was war da nur faul?

Die beiden zeigten mir meinen Platz – überraschenderweise am gleichen Tisch, wo auch sie arbeiteten – und ich konnte sofort mit kleineren Arbeiten anfangen. Speisekartendesign? Na das konnte ja heiter werden. Da saß ich nun mit zwei scheinbar kreativen in einer winzigen Agentur, die aber trotz ihrer ausschließlich männlichen Bewohner sehr stilvoll eingerichtet war. Sie hatten also entweder wirklich einen Sinn für schöne Dinge oder einer von beiden eine Freundin mit Geschmack.

Eine typische Designagentur war Newworks nicht. Ein Chef, barfuß, der in kurzen Hosen, genüsslich sein Frühstück verspeiste und neben mir ein leerer Stuhl, weil der andere seit Stunden einen Korken und Brotkrümel fotografierte. Und hier sollten außergewöhnliche Speisekarten entstehen? Irgendwie war ich skeptisch. Doch an jedem Tag dieser sechs Wochen lernte ich, dass ihre außergewöhnliche Art der Schlüssel zum Erfolg war.

Zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Eine Agentur, die kleiner kaum sein könnte. Ein Humor, der verrückter kaum sein könnte. Speisekarten, die ausgefallener kaum sein konnten. Sechs Wochen, die besser kaum hätten laufen können.

Andrew und Alex in einem kleinen Raum, gemeinsam an einem Tisch und mit einer Idee – das hat Folgen. Meistens sind es viele lustige Kommentare und Bemerkungen über die Monitore hinweg, wichtige Gespräche der Geschäftsleitung und eine ganze Menge kreativer Gedankenaustausch. All das sammelt sich in diesem kleinen Raum und ich durfte nicht nur daran teilhaben, sondern auch mitmachen.

Meine bleibenden Schäden? Egal in welchem Café oder Restaurant – ich vergleiche die Karte immer mit denen, die ich bei Newworks gesehen habe. Damit kann ich umgehen, aber mit so mancher Speisekarte nicht mehr.

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Photographie für Speisekarten
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Schon aus der Zeit der alten Römer und Griechen wurden aufgeschriebene Speiseabfolgen überliefert. Die offizielle erste Menükarte entstand jedoch erst im Jahre 1521, als Herzog Heinrich von Braunschweig seinem Küchenmeister alle Gerichte eines Festessens auf Pergament schreiben ließ.

Damals wurden die Menükarten individuell und aufwendig, zum Teil von Künstlern gestaltet. Als im 18. Jahrhundert die ersten öffentlichen Restaurants eröffnet wurden, wollten auch bürgerliche Gastwirte verzierte Menülisten für ihre Gasthäuser haben. Illustrationen und Zeichnungen von Gebäuden bestimmten fortan die Gestaltung der Karten und waren zugleich das Aushägeschild der jeweiligen Wirtschaft.

Heutzutage setzen viele Gastronomen noch immer auf ausdrucksstarke Bilder um ihre Speisekarte zu gestalten. Die Photographie bietet im Vergleich zu früher fast grenzenlose Möglichkeiten dies umzusetzen. Detailfotos, Innenausstattung in Szene gesetzt oder Schnappschüsse von Speisen und Zutaten sind kaum mehr aus Speisekarten wegzudenken.

Unser Speisekarten-Kreativshop photographiert auf Wunsch Restaurants oder Speisen für Gastronomen oder verziert Speisekarten, Websites und Broschüren mit außergewöhnlichen Schnappschüssen. Veredelungen der Photos machen die Eleganz und Originalität aus. Auch Kunden, die keine Möglichkeit haben, persönliche Photos anfertigen zu lassen müssen nicht leer ausgehen. In solchen Fällen werden Bilder im Internet gekauft, die wir dann an Kundenvorstellungen anpassen können.

Stockphotography macht es möglich im Internet zu fast jedem Thema passende Bilder zu finden, die oft so gut gemacht sind, dass sie nur wenig Nachbearbeitung benötigen. Die richtigen Motive zu finden ist wegen der großen Auswahl nicht immer leicht – die Bilder dann noch in Schmuckstücke zu verwandeln und in die Karte einzupassen ist eine Herausforderung. Trotzdem ist es eine praktische Alternative für Kunden, deren gastronomischer Betrieb nicht bei uns um die Ecke liegt und die auf eine kostspielige Anreise verzichten möchten.

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Energie der Zerstörung

Cocktails anders in Szene gesetzt
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In der Juniausgabe der Novum wurde über zwei Kommunikationsdesignerinnen berichtet, die ihr Buch “Zielwasser” veröffentlicht haben. Mit einer Luftdruckpistole haben Anika Krause und Miriam Oelmayer auf Cocktails geschossen, um außergewöhnliche Schnappschüsse zu bekommen. Eine originelle Idee, über die wir mehr wissen wollten.

Wie sind Sie auf die Ideen zu “Zielwasser” gekommen?

Das Buch »Zielwasser« entstand im 6. Semester im Modul Image-Design. Die Aufgabe war sehr frei gestellt, es sollte nur etwas mit Energie zu tun haben. Uns hat die Energie interessiert, die bei Zerstörung von Dingen auftritt. Deshalb haben wir begonnen Dinge auf die verschiedensten Arten zu zerstören, unter anderem mit Sprengstoff, Vorschlaghammer und eben der Luftdruckpistole. Wir wollten exakt diesen Zerstörungsmoment einfangen, wofür sich die Ultrakurzzeitbelichtung am besten eignet. Nach unzähligen Versuchen und vielen zerstörten Dingen haben wir bemerkt, dass sich Glas in Kombination mit Flüssigkeit und die Luftdruckpistole am besten eignen. So kamen wir auf die Idee ein Cocktailbuch der etwas anderen Art zu machen.

Was macht Ihnen mehr Spaß – Cocktails trinken oder auf Cocktails schießen?

Definitiv schießen.

Hatten Sie Hemmungen auf Gläser zu schießen?

Wir waren froh, über jedes passende Glas das wir finden konnten. Das Buch beinhaltet immerhin 43 Cocktails. Wenn wir dann etwas passendes gefunden hatten, ging es mehr um ein gutes Foto als um die schönen Gläser.

Wurde dabei jemand verletzt?

Wir waren gut mit Schutzbrille und Schutzkleidung ausgerüstet, so dass Schlimmeres als einige Schnittwunden vermieden werden konnte.

Mussten Sie die Scherben selbst wegräumen? Würden Sie es noch einmal machen?

Das war eine ziemliche Arbeit. Eigentlich mussten wir nach jedem Schuss das gesamte Fotostudio inklusive Wände, Decke und Boden sauber machen. Wir finden es hat sich gelohnt und würden sofort wieder tun.

Wie war die bisherige Reaktion auf “Zielwasser”?

Sehr gut.

Wie definieren Sie “Design”?

Design begegnet uns allen im Alltag ständig und überall. Eigentlich wurde alles irgendwann einmal entworfen und designed. Ob Steckdose oder Milchkarton.

Wann sind Sie am kreativsten?

Zusammen.

Was inspiriert Sie und was nervt Sie wenn Sie an einer Idee arbeiten?

Inspirieren kann einen alles und nerven auch.

Wortspiele wie “Zielwasser” und “Hirnreisend” sind die Namen Ihrer Arbeiten – gab es darauf Reaktionen?

Nein, auf die Titel direkt eigentlich nicht.

Sie haben im Juli diesen Jahres Ihren Bachelor of Arts bestanden – wie sehen Ihre weiteren Karrierepläne aus?

Schön wäre es weiterhin zusammen arbeiten zu können. Ansonsten haben wir gerade unsere Webseite fertiggestellt (www.artbastard.de) und werden uns erst einmal bewerben. Ziel ist es, irgendwann zusammen unsere eigene Agentur zu haben.

Sie haben gemeinsam “Zielwasser” erarbeitet – kann man weitere gemeinsame Projekte erwarten?

Unsere Bachelorthesis »Hirnreisend« war ebenfalls eine Arbeit von uns beiden zusammen und man kann auf jeden Fall weitere Projekte erwarten.

Womit beschäftigen Sie sich derzeit? Ideen, Projekte,…?

Im Moment beschäftigen wir uns mit dem Thema »Abriss«. Was genau daraus wird ist aber noch unklar.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Interessante Jobs und kreative Herausforderungen.

Was denken Sie, wie sich Design, Gestaltung und der Geschmack der Leute in Zukunft entwickeln wird? In welche Richtung? Was würden Sie sich wünschen?

Wünschen würden wir uns, dass die Leute hochwertige Gestaltung, Materialien und Drucktechniken zu schätzen wissen. Bücher, Broschüren oder Zeitschriften sollten nicht nur als Informationsträger, sondern auch als kleine Schätze verstanden werden

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FOODWARE
Niederländische Food Designerin Marije Vogelzang

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“Ich finde es faszinierend etwas zu gestalten, dass Menschen ihren Körpern zuführen. Man kann jemandem durch nichts näher kommen, als durch Essen.” sagte Marije Vogelzang einst in einem Interview.

Seit dem Jahr 2000 beschäftigt sich die Niederländerin mit Designmöglichkeiten rund um das Verb “essen” und kreiert außergewöhnliche Mahlzeiten. Ihre Arbeit besteht daraus, sich mit essenden Menschen, Geschmack, Geruch, Farben, Formen, Zubereitung, Inhaltsstoffen und allem, was zum Essen gehört zu beschäftigen und daraus ein Erlebnis zu schaffen.

Marije selbst bezeichnet sich als “food designer” und präsentiert Ihre Werke und Köstlichkeiten in Ihren Restaurants Proef in Amsterdam und Rotterdam. Wer nicht persönlich erleben kann, wie die 30jährige aus einfachen Nahrungsmitteln ein Kunstwerk oder Erlebnis formt, kann sich auf Ihren Websites Fotos von den Ausstellungen, Mahlzeiten und Events ansehen. Meterlange Buffets, Obstschalen aus Brot, Farbenspiele mit verschiedenem Gemüse oder ein außergewöhnlich verzierter Kuchen sind die Motive, die in Szene gesetzt und fotografiert, aber auch öffentlich ausgestellt und angeboten werden. Gäste betrachten die Werke staunend und müssen sich überwinden die Leckereien zu essen, da die originell angerichteten Speisen zu schön sind, sie einfach zu zerstören.

Da es sich bei “Proef” aber um ein Restaurant handelt, sind die farbenfrohen Snacks zum Verzehr und Genuss entstanden. Außerdem geht es bei Vogelzangs Design nicht nur um schönes Aussehen, sondern auch um das wichtigste Element des Essens – den Geschmack! Dieser ist bekanntlich bei jedem Menschen unterschiedlich, aber durch die Vielseitigkeit Ihrer Projekte spricht Marije Vogelzangs Arbeit die unterschiedlichsten Vorlieben an und bietet Erlebnisse, die weit über die Vorstellungen der Gäste hinausgehen.

http://www.proefrotterdam.nl

http://www.proefamsterdam.nl

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WWW.RESTAURANT-BERATER.DE
Presse-Fundstück September 2008

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Innovative Erfindung für die Gastronomie & Hotellerie

Designagentur für die Gastronomie stellt ihr erstes eigenes Produkt vor. Täglich werden neue Produkte präsentiert, die ein wenig besser sind als ihre Vorgänger. Hier geht es jedoch um ein Produkt, dass einzigartig und außergewöhnlich ist und darum keinen wirklichen Vorgänger hat.

Vollendete Form, schlichte Eleganz, einfache Technik und trotzdem (oder gerade deswegen) ist es auffallend modern. Weiche Kanten im Kontrast zu hartem Metall mit Zacken – jedoch ist es bis ins letzte Detail aufeinander abgestimmt. Leicht, aber robust durch mattes Plexiglas, hochwertige Verarbeitung der Klemmmechanik und dazu noch die individuelle Gestaltung der eingelegten Karte machen die Clipboard-Speisekarte zu einem edlen Blickfang auf jedem Tisch. Lang und elegant in kompakter Größe, ist sie ideal als Tages-, Wochen-, Saison-, Dessert- oder Frühstückskarte.

„Jeder verdient seine eigene Speisekarte“ ist der Grundsatz des Speisekarten-Kreativshops der Newworks Design Group. Nicht nur die Clipboards werden an Kundenwünsche angepasst – Sonderanfertigungen stehen auf der Tagesordnung und für jeden Kunden wird an einer neuen Idee gearbeitet. So darf man gespannt sein, welche Innovationen den kreativen Köpfen als nächstes entspringen.

Die Newworks Design Group ist eine Designagentur die sich auf Kommunikationsdesign für die Gastronomie spezialisiert hat. Die Würzburger erstellen seit 2002 hauptsächlich ausgefallene und kundenorientierte Speisekarten für hochrangige Hotels und Restaurants. „Nichts von der Stange“ ist das Motto, des Speisekarten-Kreativshops von Alexander H. Carls und Andrew J. Kormanec, nach dem sie Objekte in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz betreuen.

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Original italienische Croissants
Speisekarten-Übersetzung ins Englische

»Katze im Sack« übersetzt sich eine ungarische Gaststätte selbst in Ihrer deutschen Ausgabe der Speisekarte. Ein kreativer Kopf dachte sich einen Einleitungstext aus, der die Gäste freundlich begrüßen und auf das Menü vorbereiten soll. Im Ungarischen ist dieser Text bestimmt einladend und freundlich, aber laienhaft übersetzt lesen deutsche Kunden nun etwas ganz anderes:

»Ergriffen von der Atmosphäre des Ortes, Leib und Seele allerlei Genüssen übergeben, verbringen die Gäste die in unserem Leben achso ungerecht kurze Zeit in Freude.« Das ist leider kein Einzelfall. Weltweit sitzen deutsche Urlauber vor verwirrenden Speisekarten, die angeblich in deutscher Sprache verfasst sind und bestellen dann »Meerobst« oder »Eine daube aus rindfleich«.

Auch in Deutschland gibt es solche Sprachprobleme. So gibt es in manchen Restaurants oder Cafés »original italienische Croissants« oder »Pizza amerikanisch gestielt«. Unbekannte Sprachen, Unaufmerksamkeit oder Zeitmangel? Newworks Design Group wird ratlosen Restaurantbetreibern in Zukunft gerne unter die Arme greifen, bevor derartige Probleme auftreten. Ausführliche Beratung, kleine Hilfestellungen oder die gesamte Gestaltung und Übersetzung der Speisekarte in gängigen Sprachen sind eine neue Herausforderung, der sich Newworks gerne stellen möchte.

Die Newworks Design Group hat sich darauf spezialisiert ausgefallene und kundenorientierte Speisenkarten zu gestalten und außergewöhnliche Restaurantkonzepte zu entwerfen. “Nichts von der Stange” ist das Motto, nach dem sie Gastronomen in ganz Deutschland unterstützen und beraten. Originell, individuell und auf Wunsch jetzt auch noch mehrsprachig! Was will man mehr?

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Hotel Savoir Vivre*****

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Gastro Design ist für viele kreative Köpfe ein Traum. Moira Schwappach träumt nicht davon, sondern beschäftigt sich in ihrer Diplomarbeit mit der Gestaltung des Corporate Design ihres fiktiven Restaurants und nennt dies ‘SAVOIR VIVRE’.

Benimmregeln und gute Tischmanieren sollte man beherrschen, wenn man ihr fiktives Hotel besucht oder in ihrem Gourmetrestaurant speisen möchte. Was außer gutem Benehmen und dem vollendeten Design noch wichtig war, um diese außergewöhnliche Arbeit abzuliefern, haben wir sie gefragt…

Deine Diplomarbeit erschein recht puristisch, ist das für Dich ein “Muss” wenn es um die 5 Sterne Küche geht?
Eleganz und hohe Qualität lassen sich durch eine klare aber trotzdem ausgefallene Erscheinung in meine Augen gut darstellen. Da ich das Restaurant & Hotel Savoir Vivre im oberen Preissektor angesiedelt habe, passt diese Reduktion der Gestaltungselemente.

Was ist Design für Dich?

Design bedeutet für mich etwas schönes, ästhetisches zu schaffen. Der Zweck sollte natürlich nicht vergessen werden, man muss die richtige Balance schaffen können.

Welche Marke würdest Du am liebsten mal so richtig umgestalten?

Puh, da fällt mir gerade keine ein. Die nicht so schönen Dinge bleiben mir nicht so in Erinnerung. Der Platz wird für die genialen Dinge benötigt.

Wie wehrst Du dich am schnellsten gegen die Frage “Warum habt Ihr Fritzen immer Apple Computer”?:

Die Macs sind einfach Idiotensicher! :-)

Trägst Du selbst unter der Dusche einen Schmierzettel für Gestaltungskonzepte mit Dir herum, wie man es ja von Kreativen in der Werbung erwartet, oder trennst Du den Arbeitsplatz von Deiner Freizeit?

Trennen lässt sich das nicht. Gute Ideen kennen keine Arbeitszeiten. Bei Aktivitäten, wie unter der Dusche, beim Abspülen oder Zähneputzen, bei denen die Gedanken ihren freien Lauf haben, kommen mir öfter auch Ideen zu den anstehen Jobs in der Arbeit. Das wird natürlich gleich notiert oder gescribbelt.

Was war bis jetzt Dein größter beruflicher Mißerfolg?

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich soetwas zum Glück noch nicht erfahren müssen. Bis jetzt laufen meine Projekte gut und die Kunden sind mit meiner Arbeit zufrieden.

Wer ist Dein Designidol / Werbestar?

Ein Idol habe ich nicht. Alle schönen Dinge werden bewundert und gesammelt. Diese bewahre ich in meiner eigenen, stetig wachsenden Design-Bibliothek zu Hause auf.

Das zweitbeste Restaurant nach Savoir Vivre?

Spontan fällt mir “Koch & Kellner” ein. Dort war es sehr lecker.

Eine sehens-, lesenswerte Internetseite?

www.doublestandards.net Die Arbeiten auf dieser Seite gefallen mir besonders gut.

Wo wirst Du in Deinem nächsten Urlaub sein?

NEW YORK. Da freue ich mich schon wahnsinnig drauf.

Wir wünschen ihr natürlich, dass sie auch weiterhin von beruflichen Misserfolgen verschont bleibt und hoffen, dass wir im ‘savoir vivre’ vielleicht einen kleinen Rabatt bekommen, wenn es irgendwann realisiert wird.

Der reiche Sonntag

Veröffentlicht in text mit den Tags , am 21. März 2009 von verena

Der reiche Sonntag

Die kleine Rosalie saß auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Der kratzige Teppich und das harte Holz darunter waren nicht sehr gemütlich. Sie stand auf und lief zu dem großen braunen Ledersessel in der Ecke des Raumes. Sie legt ihre Hand auf die Armlehne des klobigen Möbelstücks und ertastete die Nähte. Am Rand waren sie gerade und oben liefen sie einen Halbkreis, um die Rundung der Lehne zu formen. Rosalie schloss ihre Augen und fuhr mit ihren kleinen Fingern jeden einzelnen Stich der Nadel durch das Leder nach. Sie fühlte die winzigen Hügel und die Lücken dazwischen so intensiv, dass sie dachte, ihr Zeigefinger wäre ein Zug, der auf unebenen Schienen seine Strecke entlangfuhr. Doppelt genäht und so fein verarbeitet, dass sie schon bald den Zug in ihren Gedanken sehen konnte. Der Zug fuhr hoch und runter, von links nach rechts, um Kurven und in Bahnhöfe. Das glatte Leder war an manchen Stellen abgenutzt und rau, das Polster darunter war durchgesessen und an anderen Stellen weich und formbar. Aus den verschiedenen Beschaffenheiten des Materials formte Rosalie in ihren Gedanken eine wunderschöne Landschaft. Sie sah Hügel, Täler, wiesen und Felder. Ihr Zug fuhr darüber oder daran vorbei. Die Passagiere genossen die Aussicht und die Landschaft war so vielseitig, dass es für sie auf jeder Strecke etwas anderes zu sehen gab. Unter der Sitzfläche musste der Zug in einen Tunnel fahren, der für Rosalies Hand zu eng war. Sie öffnete die Augen und sah den Spalt enttäuscht an. Nun war der Zug weg und der glatte Untergrund verwandelte sich wieder in den alten Sessel. Enttäuscht betrachtete sie das Möbelstück und suchte nach der Landschaft und dem Zug. Nicht einmal die Schienen konnte sie noch erkennen. Sie seufze, drehte sich um und lief zum Fenster. Draußen war es grau, neblig und es dämmerte. Nur wenige Lichter leuchteten in den Fenstern der Nachbarn und Autos zählen lohnte sich auch nicht.

Was sollte sie nur mit diesem tristen Sonntag anfangen? Sie war alleine in der Wohnung ihres Großvaters, denn er musste überraschend zur Arbeit. Nur ein paar Stunden hatte er gesagt, aber es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Ihr Opa hatte keinen Fernseher und das Radio war so alt, dass sie Angst hatte, sie würde einen der Knöpfe zerbrechen, wenn sie ihn anfasste. Die einzigen Geräusche in der Wohnung waren ihre Schritte auf dem alten Parkett, das Knarren der Bretter und das Ticken der Uhr an der Wand. Sie stützte ihre Ellenbogen auf das Fensterbrett und legte ihre Wange in ihre Handfläche. Das Blatt der Topfpflanze kitzelte sie am Ohr und errang so ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm das Blatt zwischen ihre Finger und rieb es. Die Oberseite war glatt und fühlte sich an, wie die gewachste Holzplatte ihrer Schmuckkiste. Ihr Daumen glitt an der Unterseite des Blattes entlang und streichelte vorsichtig die Adern des Blattes. Rosalie schloss wieder ihre Augen und strich erneut mit ihren Fingern das Blatt entlang. Ganz langsam strich ihr Zeigefinger den Blattrand entlang und kam schließlich am Stängel an. Sie umschloss den dünnen Stamm mit ihren Fingern und arbeitete sich langsam nach oben. In ihren Gedanken stieg sie eine Leiter hinauf, setzte einen Fuß auf jedes Blatt und gelang immer weiter nach oben. Jedes Blatt war eine Sprosse, das Ziel war von unten noch nicht zu erkennen. Plötzlich stand sie vor einer Abzweigung. Ein kleiner Ast zwang sie zu einer Entscheidung. Sollte sie auf ihrem Weg bleiben oder den neu entdeckten Weg gehen? Sie lief hin und her, und zögerte eine ganze Weile, bis sie schließlich entschied, auf dem gehabten Weg zu bleiben. Sie stieg die Leiter immer weiter und weiter hinauf, bis sie eine Pause machen wollte. Sie setzte sich auf ein Blatt, streckte ihre Beine nach vorne aus und schaute sich um. In dieser Höhe konnte sie schon sehr weit blicken. Die Aussicht war bezaubernd und sie sah die Sonne am Horizont untergehen. Sie badete im Licht des Augenblicks und fühlte die glatte Oberseite des Blattes unter ihren Händen, die sie hinter sich abgestützt hatte. Rosalie atmete tief ein und aus, winkelte ihr Bein an und stand schließlich wieder auf. Sie hatte noch einen weiten Weg vor sich und wollte ihr Ziel noch vor der Dunkelheit erreichen. Etwas erschöpft, aber mit der Blüte in den Gedanken, stieg sie weiter die Leiter hinauf. Sie kletterte weiter und weiter, verschnaufte ab und zu einen Moment lang auf einem Blatt und schaute sich immer wieder um. Je höher sie gelangte, desto faszinierender war die Aussicht. Kurz bevor die Sonne endgültig versank erreichte sie das erste Blütenblatt. Rosalie griff nach dem weißen, kräftigen Blatt und zog sich nach oben. Mit einem großen Ruck saß sie mitten in der Blüte. Weich wie Kissen waren die Blütenpollen, die von den Blättern in ihrem runden Bett gehalten wurden. Sie lehnte sich an den Rand und sah sich um. Die Sonne war kurz davor zu verschwinden und tauchte alles in ein sanftes, rotes Licht. Sogar die weiße Blüte schimmerte rosafarben und die Schatten der Blätter unten wurden immer dunkler, bis sie fast schwarz waren. Rosalie gähnte und sank in die gemütliche Mitte der Blüte. Langsam fielen ihre Augen zu und sie schlief ein. Die kleine Rosalie lag zusammengerollt auf der Blume und träumte selig. Plötzlich wurde sie von einem lauten Schlag geweckt. Erschrocken sah sie sich um und stellte fest, dass sie noch immer auf Opas Fensterbrett lehnte. Ihre Hand lag auf der Blüte der Topfpflanze und die Uhr an der Wand schlug laut und bedrohlich zur vollen Stunde. Sie hatte das Geräusch schon vorhin, an einem der Bahnhöfe gehört, es aber als Ankündigung einer Ansage des Schaffners eingeordnet. Es war also noch immer dieser langweilige Sonntag im tiefsten Winter.

Mittlerweile war es dunkel geworden und ihre Arme lagen kalt und schwer auf der Steinplatte am Fenster. Fröstelnd nahm sie die Hand von der Blume, die Arme vom Fensterbrett und ging ins Schlafzimmer ihres Großvaters. Eigentlich wollte sich Rosalie nur einen zusätzlichen Pullover holen, denn den Kamin durfte sie alleine nicht anheizen und ihr war etwas kalt. Als sie durch das Esszimmer lief, blieb ihr Blick an der Foto wand hängen. Sie sah sich alle Bilder genau an. Ihr Großvater, als er noch jünger war und bene einem tollen alten Auto stand. Ihre Großmutter mit einem Kleinkind an der Hand, das vermutlich ihr Vater war. Ein kleines Familienfoto von den dreien, bevor Rosalies Großmutter verstorben war. Alle Bilder waren farblos. Nur schwarz und weiß, mit den verschiedensten Grautönen dazwischen. Die neueren Bilder, die auf denen auch Rosalie zu sehen war, waren farbig und in moderneren Rahmen. Sie stachen zwischen den grauen Bildern in den schweren Holzrahmen hervor und verbreiteten im Gesamtbild eine gewisse Unruhe. Lackierte Rahmen und Farbfotos zwischen den Jahrzehnte hängenden alten Fotografien passten einfach nicht dazu. Sie versuchte sich nur auf die alten Bilder zu konzentrieren und betrachtete noch einmal das Bild von ihrem Opa und dem Sportwagen. Das Auto war genauso grau, wie der junge Mann, der daneben stand, aber sie konnte erahnen, was für ein Prachtstück der Wagen zu der Zeit gewesen sein musste. In ihrer Phantasie erkannte sie die glänzenden Türgriffe, die eleganten Ledersitze und hörte sogar den Motor brummen. Ehe sie sich versah, saß sie auf dem Beifahrersitz und ihr Großvater legte ihr den Sicherheitsgurt an. Er sah aus wie immer und der junge Mann von dem Foto war in Sekunden um Jahre gealtert. Als sie an sich herunterblickte stellte sie fest, dass auch ihr roter Rock und der gelbe Pullover sich grau eingefärbt hatten. Sie betrachtete ihre Hände und Arme, die all ihre Farbe verloren hatten. Sie lehnte sich zur Seite, um sich im Außenspiegel des Sportwagens sehen zu können und erschrak vor ihren weißgrauen Haaren, die vor kurzem noch blond waren. Vom Spiegel nach links, glitt ihr Blick über das Armaturenbrett bis zum Lenkrad. Ihr Opa umfasste es fest mit seinen faltigen Händen und seine graue Haut glänzte im Sonnenlicht, das durch die Windschutzscheibe strahlte. Er wandte sein Gesicht zu mir und lächelte mich an. Sein graues Gesicht legte sich in noch tiefere Falten als er zuvor schon hatte und der Motor heulte auf. Einige Sekunden später rasten Rosalie, ihr Großvater und der Sportwagen über eine weite Landstraße. Der Wind zog zu einem Fenster hinein und zum anderen wieder hinaus. Der starke Motor brummte laut und Rosalie wurde fest in den Sitz gedrückt. Sie sah ihren Großvater an, der sichtlich Freude am Fahren hatte. Er sah so zufrieden aus, dass auch in Rosalie eine angenehme Wärme aufstieg und sie sich entspannt in den Sitz sinken ließ. Vorhin hatte sie noch gefroren, aber jetzt, im Sportwagen ihres Opas, war ihr nicht mehr kalt. So fuhren sie über Landstraßen, Autobahnen, durch kleine Gassen und durch alle Städte, die Rosalie kannte. In ihrer Heimatstadt hielten sie einige Minuten an, um Rosalie ein Eis zu kaufen. Es war Sommer und sie liebte das Erdbeereis von Antonios Eisdiele. Dann stiegen sie wieder in den Flitzer und fuhren weiter. Rosalie bemerkte nicht, dass auch die farbenfrohe Stadt, die sie kannte, heute in Grautöne gehüllt war. Als sie das nächste Mal anhielten, um zu Tanken, lief Rosalie an den grauen Zapfsäulen vorbei und sah sich am Zaun des Nachbargrundstücks die Werbeplakate an.

Sie las von Flohmärkten, Immobilienangeboten und entdeckte ein Plakat, dass ihr Interesse weckte. Diesen Sonntag war Jahrmarkt im Nachbarort. Ein Riesenrad, ein Karussell und ein buntes Lebkuchenherz mit Zuckerguss zierten das Plakat. Ein buntes Lebkuchenherz? Und das in ihrer grauen Phantasie? Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich schnell um. Ihr Opa beugte sich zu ihr herunter und sagte: „Ich bin wieder da Rosalie.“
Sie sah ihn überrascht an, denn er war plötzlich wieder farbig. Sein graues Gesicht war wieder zartrosa wie immer. Nur sein Bart war noch grau. Sein Hemd war dunkelgrün und seine braunen Lederschuhe blitzten unter den schwarzen Hosenbeinen hervor. Im Hintergrund erblickte sie nun auch wieder das Esszimmer der Wohnung, in der sie den ganzen Sonntag verbracht hatte. Ihr Großvater nahm sie an die Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Er machte ein Feuer im Kamin, schaltete die kleine Lampe in der Ecke ein und setzte sich in den Ledersessel. Er hob Rosalie hoch und setzte sie in einer einzigen Bewegung auf seinen Schoß.
„Tut mir leid, dass ich den ganzen Tag weg war. Ich brauche das Geld dringend und muss hin und wieder einspringen, wenn ich meinen Job behalten will. Verstehst du das?“
„ Nein, Opa. Wofür brauchst du denn Geld?“ fragte Rosalie neugierig.
„ Ich muss so viel bezahlen. Die Wohnung, das Auto und das Essen – das alles kostet Geld, Rosalie.“ Erklärte er. Rosalie dachte eine Weile darüber nach und sah ihn dann fragend an. Sie sagte nichts, aber ihr Großvater sah ihr an, dass sie noch mehr wissen wollte. „ Nicht alle Menschen sind reich, Rosalie. Es gibt Menschen, die besitzen Häuser, mit so vielen Zimmern, dass sie am Abend nicht mehr wissen, in welches Bett sie sich legen sollen. Sie haben so viele tolle Autos, dass sie sich nicht entscheiden können, mit welchem sie fahren wollen. Sie haben so viel zu essen, dass sie jeden tag so viel wegwerfen, wie wir beide zusammen essen können. Doch so bin ich nicht, Rosalie.“, sagte er. Er sah sie freundlich an und Rosalie konnte sehen, wie erschöpft er von seiner Arbeit war. „ Ich muss hart arbeiten, um das zu kaufen, was ich zum Leben brauche. Ich habe diese kleine Wohnung, ein paar Möbel und mein kleines Auto. Ich habe jeden tag etwas zu essen und ich kann dir ein Eis kaufen, wann immer ich will. Damit bin ich zufrieden, Rosalie.“
„Aber Opa“, sagte Rosalie, „du hast doch viel mehr!“ sagte sie und sah ihn an, als hätte er einen Fehler gemacht. „Du hast eine Eisenbahn, die über ein weites Land fährt, eine riesige Blume, von deren Blüte aus man über das ganze Land schauen kann und du hast diesen tollen Wagen, der so schnell fährt, dass nicht einmal die Farben ihm hinterherkommen.“, zählte sie fröhlich auf. Der Großvater sah sie an und lächelte. „Du hast Recht, Rosalie. Wirklich reich sind diejenigen, die ein Herz voller Liebe haben und deren Träume von ihrer Phantasie bunt eingefärbt werden.“

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