Alltag I

Eine Geschichte aus irgendeinem erfundenen Alltag, die eine Moral enthält. Findet selbst heraus was wichtig ist…

Eins

Ein Tag wie jeder andere. Pünktlich um 17 Uhr verließ Markus das Bürogebäude und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. Sein silberner Golf stand wie immer auf Nummer 32 und wartete seit acht Uhr morgens dort auf ihn. Den kleinen schwarzen Koffer auf den Beifahrersitz, den Mantel einmal zusammengefaltet darübergeworfen und rein in den treuen Weggefährten. Wie jeden tag war die Ampel an der ersten Kreuzung rot. Wie so oft musste er an der Abzweigung zur Landstraße die Scheinwerfer anmachen und den Scheibenwischer auf erster Stufe anstellen. Je näher er seinem zu Hause kam, desto heftiger regnete es. Kurz vor der Ortseinfahrt war es dann sogar nötig den Scheibenwischer auf höchster Stufe laufen zu lassen. Als würde er das Wasser von der Scheibe schöpfen sauste der schwarze Arm über die Scheibe. In der Garage angekommen nahm er seinen Koffer und den Mantel von Sitz und lief zur Tür. Er drehte den Schlüssel im Schloss und hörte das gleiche Klicken wie schon am Tag davor. Und am Tag davor. Und davor…
Ein Feriggericht in die Mikrowelle gestellt und den Fernseher bereits angeschaltet, erinnerte er sich an seinen Kater Louis. Er fand ihn im Wohnzimmer, zusammengerollt im Ledersessel und im Tiefschlaf. War es möglich,dass ein dicker, grauer Kater mit nur einem Auge seine ganze Familie war? Liebevoll streichelte er über Louis Kopf und der Kater schnurrte und öffnete sein Auge. Markus ging zurück in die Küche und holte aus einem Schrank die Packung Trockenfutter. Mittlerweile war auch Louis in die Küche geschlichen und hatte seinen Platz vor dem Napf eingenommen. Ich sorge für den Kater, aber wer sorgt denn für mich? Er redete sich ein, dass Selbstmitleid ihn nicht weiterbrachte und holte sein Abendessen aus der Mikrowelle. Wie jeden Tag setzte er sich in den Ledersessel, verspeiste lieblos seine Nudeln mit Soße und sah sich belanglose Spielshows im Fernsehen an. Es gab Zeiten, da ging er abends aus, sah zusammen mit Freunden Filme oder kochte aufwändige Gerichte – aber er war nicht mehr wie früher. Seit er so viel Geld hatte, die Villa am Stadtrand und den Posten im Vorstand der Firma hatte sich alles geändert. Dass man Freunde nicht kaufen kann und dass Arroganz den Mitmenschen nicht besonders gefällt musste er am eigenen Leib erfahren. Arme Leute verstehen die Reichen nunmal nicht. Das ist ein Gesetz und die Einsamkeit würde auch vorbeigehen. Immerhin hatte er ja Louis. Ein ziemlich hässliches Tier. Wenn er jedoch in Selbstmitleid versank – wie jeden Abend – kam Louis zu ihm auf den Sessel und rollte sich auf seinem Schoß zusammen. Wahrscheinlich, weil er den Sessel zurückerobern wollte, aber das wollte Markus nicht wahrhaben. Gegen Mitternacht stieg er die Marmorstufen hinauf ins Schlafzimmer und ging ins Bett. Wie jeden Tag. Wie gestern, vorgestern und auch am Tag davor…
Auch der Morgen verlief jeden Tag gleich: Aufstehen beim ersten Ton des Weckers, Duschen, Anzug anziehen, eine Waffel aus dem Toaster im Mund zum Auto und dann zur Arbeit. Scheibenwischer, Rote Ampeln und am Ziel angekommen der Parkplatz Nummer 32. Jeden tag die 32. Gestern, am Tag davor und auch am Tag davor…

An diesem einen Donnerstag im Februar war jedoch etwas anders. Seine Waffel verbrannte im Toaster, obwohl er ihn nicht verstellt hatte. Stufe drei machte seine Waffel sonst immer goldbraun – heute nicht. Rabenschwarz und qualmend sprang sie heraus. Einen kurzen Moment zögerte er, bevor Markus sie nahm und in den Mülleimer warf. Nun musste er auf dem Weg zur Arbeit noch anhalten, um sich Frühstück zu besorgen. Am Wochenende musste er den Toaster reparieren und Waffeln hatte er auch nur noch wenige zu Hause. Schlecht gelaunt stieg er in seinen Wagen und fuhr los. An der Hauptstraße war eine winzige Bäckerei – ob die wohl um sechs Uhr morgens schon geöffnet hatte? Die lange Fahrt, der Regen und der leere Magen besserten seine Laune absolut nicht. Der Golf hielt am Seitenstreifen vor der Bäckerei und Markus stieg aus. Er ging zur Türe und bemerkte,dass in der Bäckerei kein Licht war. Hungrig zur Arbeit – das konnte ja ein toller Tag werden. Zurück beim Wagen sah er einen älteren Mann an der Beifahrertür stehen, der ihn freundlich anlächelte. Seine zerlumpte Erscheinung ließ den Schluss zu, dass es sich wohl um einen Bettler handeln musste. Obdachlos allemal, denn er hatte eine Plastiktüte in der Hand, aus der eine dreckige Socke hing. Er fragte den Mann was er denn wolle. Der Obdachlose griff in seine Jackentasche und sog eine Papiertüte hervor. Er reichte sie über das Wagendach rüber zu Markus und lächelte. Während Markus einen Blick in die Tüte warf und seinen Ekel kaum mehr verbergen konnte sagte der Obdachlose, dass er die Bäckerin kenne und sie ihm jeden Tag vor Ladenöffnung etwas vor die Tür lege. Markus angewiederter Blick wandelte sich in einen fragenden Gesichtsausdruck, als er das frische Croissant in der Tüte sah. Heute rette ich Ihnen den Tag und morgen retten Sie mich – sagte der Obdachlose und lief davon. Markus wusste nicht wie ihm geschah und stieg ins Auto. Das Croissant legte er auf den Beifahrersitz, wo auch der Koffer und der Mantel lagen. Einige Minuten später als gestern traf er im Büro ein. Vorgestern war er früher dran. Am Tag davor auch…

Am nächsten Morgen lief – abgesehen von der Waffel, auf die er wegen einem defekten Toaster verzichten musste – alles wie immer. Regen, Hunger, kein Bäcker und eine lange Fahrt. Am Straßenrand sah er den Obdachlosen sitzen. Auf einer Bank im Regen mit erwartungsvollem Blick saß er da, grau in grau gekleidet. Als hätte er sich farblich an Markus‘ Leben angepasst. Der Zeitplan ließ es nicht zu anzuhalten, denn er wollte nicht wieder zu spät kommen. Also nickte er dem Mann aus dem fahrenden Wagen heraus zu und fuhr an ihm vorbei. Er würde sich ein andermal für das Croissant bedanken. Nun konnte der Alltag wieder weiterlaufen. Und wenn er den Toaster repariert hatte war alles wieder in Ordnung.
Pünktlich um 17 Uhr stand er auf dem Parkplatz im Regen und sperrte den silbernden Golf auf. Einen so starken Regen hatte er im Februar nicht erwartet. Er zog seinen Mantel an und stieg frierend in seinen Wagen. An der roten Ampel sah er einige Fußgänger fröstelnd über die Straße gehen. Ein Mann hatte damit zu kämpfen dem Wind zu trotzen und seinen Hut festzuhalten. Nun dachte Markus an den Obdachlosen. Er hatte ihm den Tag gerettet. Vielleicht etwas übertrieben, aber zumindest hatte er ihm geholfen die Zeit bis zur Mittagspause zu überbrücken. Im Scheinwerferlicht sah er eine Gestalt am Rand der Hauptstarße. Trotz seines hektisch arbeitenden Scheibenwischers war das Bild verschwommen. Er fuhr langsamer und erkannte den Obdachlosen, der noch immer auf der Bank saß. Markus hielt am Straßenrand an und öffnete sein Fenster. Der Mann reagierte kaum auf seine Zurufe und bewegte sich auch nicht. Nur ein leises Wimmern war zu hören. Markus stieg aus und lief zur Bank hinüber. Der Obdachlose war völlig durchnässt, eiskalt und seine Lippen waren vor Kälte bereits ganz blau. Markus drückte zwei Finger an seinen Hals, um den Puls zu fühlen, aber er spürte nichts. Er rüttelte den Mann und stellte fest, dass er nichteinmal seinen Namen kannte. Ohne ihn anzusprechen versuchte er den Mann wachzurütteln, aber es geschah nichts. Er griff nach seinem Handy und wählte den Notruf. Der Regen prasselte auf den Asphalt und verursachte einen solchen Lärm, dass die Sirene kaum zu hören war. Wenig später kam ein Krankenwagen die Hauptstraße entlang. Das Blaulicht war auch schon von weitem zu sehen. Die Sanitäter kamen auf Markus zu, der sich nun neben den Obdachlosen auf die Bank gesetzt hatte. Dem ausgebildeten Ersthelfer, auf dessen Namensschild Thomas stand, genügte ein flüchtiger Blick. Er beugte sich zu Markus hinunter uns sagte ihm, dass er nichts mehr tun könne und es ihm leid täte. Markus wurde bleich vor Schreck. Thomas fragte immerzu woher Markus den Mann kannte und wie sein Name war, aber in Markus‘ Kopf hallte immerzu nur ein Satz…

Heute rette ich Ihnen den Tag und morgen retten Sie mich.

Eine Antwort to “Alltag I”

  1. Angelika Says:

    Im scheinbar so wichtigem, alltäglichem Einerlei inne zu halten und zu versuchen, das Wichtige vom Nichtigen zu unterscheiden, wäre dringend nötig.
    Passt super in unser aller Alltag:
    Nie etwas aufschieben, denn oft ist es dann zu spät!
    Nachdenkenswerte Geschichte!

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