Alltag II

Die zweite Alltagsgeschichte – erfunden, aber zum Nachdenken gedacht.

Zwei

Und wieder saß Anna auf ihrer Bank. Mit dem Rücken zur Welt und dem Blick zum See war ihr Tag in Ordnung. Neben ihr die alte Ledertasche, die sie vor vielen Jahren von einem Freund zum Geburtstag bekommen hatte. Die Nähte waren fein säuberlich nachgestochen, damit sie noch lange stabil hielten. Der Verschlussknopf fehlte, denn einen neuen wollte sie nicht. Wenn der alte Knopf auch verloren war, ihre Tasche erfüllte trotz allem ihren Zweck. So musste sie auch nicht lange an ihm herummzerren, um an die Brotkrümel zu gelangen. Die Enten kannten die alte Dame bereits und versammelten sich am Ufer vor der Holzbank. Im Laufe der Jahre waren die scheuen Tiere ichre Freunde, mehr noch ihre Familie geworden. Anna hatte nie Kinder, darum auch keine Enkel. Sie wuchs als Einzelkind auf, hatte also auch keine Geschwister. Selbst wenn, dann wären die wahrscheinlich mittlerweile genauso verstorben wie ihre Freunde. Sie war gerne am See. Die Ruhe, die das Wasser ausstrahlte, das gelegentliche Platschen der Enten und der Wind im kleinen Wald hinter dem See waren ihr lieber als dir vielen Radiosender und Fernsehsendungen zu Hause.

Je mehr Brot sie den Enten zuwarf, desto lauter wurden sie. Diese Augenblicke genoss Anna jedes Mal, denn es war sehr selten geworden, dass sich jemand über ihren Besuch freute. Und so kam es, dass sie sich bei jedem Sonnenstrahl, an jedem warmen Tag, an jedem nicht sehr kalten Tag und auch bei nicht allzu starkem Regen am Seeufer wiederfand. Ein wenig Schnee hielt sie auch nicht auf und kalter Wind sorgte für mehr Rauschen in den Bäumen. Eigentlich ging sie fast jeden Tag zum See. Außerdem konnte sie ihre Familie nicht wegen ein paar Regentropfen im Stich lassen.

Oft dachte sie an die alte Zeit, als sie immer mit ihren Freunden ausging. Danach dachte sie auch an deren Beerdigungen und daran, wie sehr sie sie vermisste. Immer wieder nahm sie sich vor nicht mehr daran zu denken und verdrückte die Tränen. An anderen Tagen dachte sie an den Krieg. Sie dachte an ihren Mann, der ihr immer Kinder schenken wollte. Er kam nie zurück, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Mit einem anderen Mann – und es gab andere Männer – wollte sie keine Kinder. Sie hätte sie nicht so lieben können, wie sie es verdient hatten. Wenn der Vater nur zweite Wahl war, dann waren auch die Kinder nur zweite Wahl.

Mittlerweile wäre sie auch mit der zweiten Wahl zufrieden, doch wie immer war es zu spät. Auch die dritte und vierte Wahl wären ihr Recht, aber ihr blieben nur die Enten. Zuletzt hatte sie an einen Hund gedacht, jedoch reichte ihre Rente nicht aus, um ihn angemessen zu halten. Ihre Wohnung war viel zu klein und Hundefutter für jeden Tag war für Anna unmöglich zu bezahlen. Das Geld reichte gerade für sie und etwas Extra-Brot für die Familie. So fand sie sich mit ihrem Leben ab und liebte ihre Enten. Sie waren so dankbar und sie waren immer da. Von welcher Familie konnte man das schon behaupten?

Ein paar Sonnenstrahlen, dicke weiße Wolken und ein leichter Wind bedeuteten, dass Anna auch heute ihre Familie besuchen ging. Die Tüte mit den Brotstücken in ihre Ledertasche gesteckt lief sie los. Sie hatte nicht bemerkt, dass eine Naht der Tasche sich gelöst hatte und das kleine Loch an der Ecke immer größer wurde. Am See angekommen lief sie am Ufer entlang bis zu ihrer Bank. Sie lief und lief, aber ihre Bank kam nicht. Nach einer Weile kehrte sie um und lief das Ufer nocheinmal ab. Sie entdeckte zerdrücktes Gras zwischen zwei Bäumen und blieb stehen. Als sie nach oben blickte erkannte sie die Bäume auch wieder, aber ohne die Bank war das Fleckchen zwischen ihnen irgendwie anders. Man konnte erkennen, dass auf diesem Stück Wiese etwas gestanden hatte, aber von ihrer Bank war weit und breit nichts zu sehen. Vielleicht hat sie Stadt sie unter einen anderen Baum gestellt? Vielleicht sollte sich das Gras erholen? Also lief sie weiter das Ufer entlang und hielt ausschau nach der Bank. Nach einer ganzen Weile und vielen Grasflächen ohne Bank verließ sie die Hoffnung. Da sie nicht mehr die Jüngste war verließ sie auch bald darauf der Atem. Doch wo sollte sie sich hinsetzen? Keuchend lief sie weiter am Ufer entlang. Plötzlich wurde ihr schwindelig. Der Rückweg war weit und ihr Blick nach vorne verriet ihr, dass auch dort keine Bank war. Alles um sie herum begann sich zu drehen und sie schloss langsam ihre Augen. Als Anna die Augen wieder öffnete stand vor ihr ein kleiner Junge. “Warum siehst du denn so traurig aus?” fragte der Kleine und zog sie am Ärmel. “Meine Bank” keuchte Anna und versuchte ihr Karussell anzuhalten, um den Jungen besser sehen zu können. “Ich muss mich setzen, aber meine Bank…”

“Wenn du sitzen willst brauchst du doch keine Bank, du Dummchen!” sagte er frech und grinste die alte Frau an. Er griff sich Annas schweißnasse Hand und lief los. Sie wusste kaum wie ihr geschah, denn um sie herum drehte sich noch immer alles. Der Junge setzte Sie hin und verschwand.

Wenige Minuten später hörte Annas Welt auf sich zu drehen und sie bekam auch wieder Luft. Wo war nur der kleine Junge hingegangen? Sie wollte sich bei ihm bedanken. “Du musst das anders machen, sonst geht das nicht!” hörte sie ihn rufen. Er schaukelte ein paar Meter weiter wild hin und her und auf und ab. Für einen Moment dachte sie, ihr wäre wieder schwindelig, aber dann bemerkte Anna, dass der Junge auch sie auf einer Schaukel platziert hatte. “Wer bist du denn, mein Junge?” rief Anna ihm zu. Er bremste ab, sprang von der Schaukel und kam auf sie zu. “Ich bin Nico. Ich bin 5 Jahre alt und darf bald in die Schule.” sagte er stolz. “Wo ist denn deine Mama? Bist du ganz alleine hier?” Nico nickte grinsend und flüsterte Anna ins Ohr, dass seine Mutter jeden Morgen zur Arbeit ging und er dann immer herkam, um zu spielen, bis sie wieder nach Hause kam. Sie wusste nichts davon und er fand den See und den Spielplatz doch so viel besser, als den Fernseher.

“Warum schaukelst du denn nicht?” fragte er Anna, die noch immer ziemlich verwirrt war. “Ich bin zu alt, um zu schaukeln und ich denke ich kann es auch garnicht mehr” antwortete sie und dachte daran, wie besorgt die Mutter sein musste, wenn sie von der Arbeit kam. “Wie alt bist du denn?” wollte Nico neugierig wissen. “Ich bin 73 Jahre alt und du solltest wohl besser nach hause gehen und nicht alleine in der Gegend rumlaufen…”

“Ich laufe nicht rum, ich schaukle. Und alleine bin ich auch nicht. Du bist doch jetzt da! Und ich finde du bist nicht zu alt zum schaukeln. Wenn du es nicht mehr kannst, dann zeige ich es dir?” Und bevor sich Anna versah lief der kleine Junge um sie herum und schob sie von hinten an. Langsam, aber stetig schaukelte sie immer höher und nach einer Weile kam auch die Erinnerung zurück. Als hätte sie nie etwas anderes getan schaukelte die alte Frau höher und höher. Nico sprang wieder auf seine Schaukel und forderte sie heraus. Das Quietschen der Metallkette an ihrer Aufhängung war ein Geräusch, dass Anna lange nicht gehört hatte. Wann sie es zuletzt selbst verursacht hatte konnte sie nur schätzen. Als dann noch die Brotkrümel aus dem Loch in ihrer Tasche rieselten begann sie laut zu lachen. Sie lachte lauter und herzhafter, als sie es vor Jahren mit ihren Freunden getan hatte. Ein paar Spatzen und Meisen nutzen die Zeit, die Anna in der Luft war, um die Krümel blitzschnell zu holen. Das Lachen der alten Frau verschreckte sie ein wenig, aber die Enten hatten ihnen verraten, dass Anna ungefährlich sei und zur Familie gehöre.

Eine Antwort to “Alltag II”

  1. Angelika Says:

    Die wehmütige, sensible Biographie einer alten Dame.
    Wunderschön erzählt, was Kinder der älteren Generation geben können:
    – eine dem Alter gemäß gesteckte Grenze wird mit der Unbeschwertheit einer Kinderseele überschritten –
    – dadurch wiederkehrende Lebensfreude –
    – vielleicht eine zusätzliche „menschliche Familie“ und ein neues Aufgabengebiet für die einsame Anna –
    Gefällt mir sehr:
    ……aber die Enten hatten ihnen verraten, dass Anna ungefährlich sei……

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