Der Egoismus, das Forum Romanum und die Geheimnisse

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Der Egoismus, das Forum Romanum und die Geheimnisse

Er sah mir tief in die Augen. Seine goldbraunen Augen blickten tief in meine Seele als er etwas Belangloses erzählte. In diesem Augenblick hörte er für eine Sekunde auf zu reden und sein Blick wurde noch tiefer. Er sah diesen verletzlichen Punkt in mir, den ich über Jahre verborgen gehalten hatte. Ob er ihn erschrecken würde? Und wenn er mich nun in einem ganz anderen Licht sah? Ich war nach außen hin immer die Starke, die Wortgewandte, die Fröhliche, die, die nichts aus der Bahn wirft und die sich von nichts unterkriegen lässt. Ein Fels in der Brandung mit unendlich vielen guten Ratschlägen, die ich an alle Freunde und Bekannte verteilen konnte, wenn sie Probleme hatten. Dass ich selbst ein einziges Problem war hatte bisher niemand entdeckt. Mein Leben war ein Trümmerhaufen und ich habe ein paar Scherben zusammengeklebt und etwas Neues daraus gebaut. Von diesem Trümmerhaufen hat niemand etwas mitbekommen. Ich habe meine Tränen weggewischt, mein Lächeln aufgesetzt und war die Starke, die nichts aus der Bahn wirft. Ich stecke schon seit Ewigkeiten voller Geheimnisse, die weder interessant noch spannend sind. Sie sind nur traurig, depressiv und schockierend. Aber all das hat niemals jemand mitbekommen. Nur er, mit seinem unglaublich tiefen Blick.

Er hatte diesen schwarzen Fleck in meiner Seele entdeckt und sah ihn an, als wäre es ein Gemälde. Ob meine Seele abgesehen von dem schwarzen Fleck noch andere Farben hatte? Etwas rot und grün waren bestimmt auch dabei. Das grelle rot, in dem meine Seele einst strahlte war jedoch lange verblasst. Temperament, Emotionen und jede Art von Gefühlsregung wurden so lange unterdrückt, dass es schwierig war sie wieder auszugraben. Ich hatte jahrelang ein Loch gegraben, alles darin versteckt und es zugeschüttet. Außenrum eine hohe Mauer gebaut und alles gut bewacht von einer Armee aus weggewischten Tränen. Nun saß er da und starrte durch einen Spalt in der Mauer hinunter in das tiefe Loch. Und während er Stein für Stein aus meiner Mauer sog und verschwinden ließ, redete er immer weiter. Die vielen Soldaten hatten scheinbar ihren freien Tag, denn sein Eindringen in meine geheime Festung wurde von nichts aufgehalten. Was er wohl alles sehen konnte? Ging sein Blick so tief, dass er mich las, wie ein offenes Buch, oder war es ihm jetzt nur möglich Vermutungen anzustellen? Was er nur vermuten könnte? Scheinbar hatte er noch nichts entdeckt, was ihm die Sprache verschlug, denn er redete immer weiter. Ich schaffte es nicht, ihm aufmerksam zuzuhören, denn ich musste irgendwie meine Soldaten wecken. Wenn er es jetzt noch nicht geschafft hatte, etwas zu entdecken, so würde es aber sicherlich nicht mehr lange dauern.

Ein Anfang wäre, den Blick abzuwenden, aber die Farbe und der Schimmer seiner Augen zogen mich in einen Bann. Ich wollte wegsehen und ihm dann endlich zuhören, aber es ging einfach nicht. Ich sah, wie sich seine Lippen bewegten und er hin und wieder Pausen machte. Sobald ich eine Pause erkennen konnte murmelte ich irgendeinen Ton, der ihm zeigen sollte, dass ich zuhöre. Er verstand diese Geräusche und redete weiter. Niemals wandte er seinen Blick ab. Er durchsuchte meine Gedanken, aber scheinbar konnte er nichts finden. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als er plötzlich eine Augenbraue hob und sein Blick sich veränderte. Er schaute mich skeptisch an und hörte auf zu reden. Das war die Gelegenheit, den Blick abzuwenden. Ich sah auf meine Hände, die völlig verkrampft und scheißnass in meinem Schoß lagen. Nun konnte ich auch wieder hören, was er sagte. Als ich ihn wieder ansah fragte er mich, wieso ich Tränen in den Augen hätte. Mist. Mir war das nicht aufgefallen, aber als eine einzelne Träne kitzelnd den Weg über meine Wange fand und schließlich von meinem Kinn tropfte, musste ich es wohl eingestehen. Aber was sollte ich antworten?

Ich zögerte und es fühlte sich an, als würden Minuten vergehen. Ich sah wieder auf meine Hände, die ihre Position noch nicht verändert hatten. Obwohl ich ihn nicht ansah und niemand etwas sagte, spürte ich seinen Blick. Auch ohne direkten Blickkontakt verfehlte er seine Wirkung absolut nicht. Sofort stieg wieder eine unheimliche Wärme in mir auf und ich spürte die zweite Träne über meine Wange rollen. Ich erschrak und zuckte zusammen, als er seine große warme Hand auf meine legte. Der kalte Schweiß und die eisigen Fingerspitzen schienen ihn nicht zu stören und ich spürte sein Lächeln, als er sah, wie ich seine Hand anstarrte. Es war ein gutes Gefühl. Wenn ich mich schon verloren fühlte, so hatten in diesem Moment wenigstens meine Hände Halt gefunden. Es verstrich unendlich viel Zeit in dieser Stille, aber unter seiner Hand stand die Zeit still. Ich fühlte den sanften Druck und die Wärme, die nun langsam in meine Finger überging. Er konnte problemlos meine beiden Hände mit seiner komplett bedecken. Mein Herzschlag beruhigte sich langsam und es gab auch keine dritte Träne mehr. Ich hatte mich wieder unter Kontrolle. Oder war er es, der mich unter Kontrolle hatte? Schließlich hatte seine Hand mich beruhigt. Hatte ich ihm zusätzlich zu dem Einblick in meine Seele auch noch Macht über meine Gefühle gegeben? Ich sah ihn an.

Als hätte er darauf gewartet, war sein Kopf in meine Richtung gewandt und seine goldbraunen Augen direkt auf meine fixiert. Mein Gesicht musste sehr ängstlich und verwirrt aussehen, denn er hatte einen bemitleidenden Gesichtsausdruck und drückte meine Hände fester, als ich ihn ansah. Noch immer war kein Wort gefallen. Ich dachte zuerst, ich hätte es nur wieder nicht gehört, aber sein Verhalten verriet mir, dass ich nun an der Reihe war, etwas zu sagen. Aber was? Ich hatte ihm die letzten Minuten überhaupt nicht zugehört, also musste ich mit einem neuen Thema beginnen. Ob ich mein seltsames Verhalten einfach übergehen konnte? Er erwartete wahrscheinlich eine Erklärung meiner Reaktion oder wenigstens einen Grund für die beiden Tränen, aber mir fiel nichts Passendes ein. Wieder kam es mir vor, als würden unzählige Minuten vergehen während wir schwiegen und uns ansahen. Da war er wieder. Der tiefe Blick. Die Soldaten waren noch immer nicht zum Dienst erschienen und die Mauer bröckelt immer weiter. Sie sah schon fast aus, wie die übrig gebliebenen Steine des Forum Romanum. Zu seinen Glanzzeiten, war es riesig und eindrucksvoll, aber heute war es nur noch ein Haufen alter Steine. Er hatte mit seinen Augen meine Festung in eine verfallene Ruine verwandelt und ich konnte nichts tun, als seinen Blick erwidern. Ich konnte nicht anders, als ihm den Weg zu meiner Seele frei zu machen. In dieser Sekunde gab ich auf, wofür ich jahrelang gekämpft hatte. Sollte er meine Gedanken lesen, meine Geheimnisse aufdecken und in den Tränen des großen schwarzen Flecks baden. Er wollte es so und ich konnte diesen Augen nichts verweigern. Ich schloss die Augen und ließ alle Muskeln locker. Meine Hände fielen unter seiner in sich zusammen und meine Schultern sackten nach unten, als fielen sie von einer Klippe. Es fühlte sich an, als schrumpfte ich einige Zentimeter in mich zusammen. Ich spürte die harte Stuhllehne an meinem Rücken, die Armlehnen an meinen Ellenbogen und den festen Parkettboden unter meinen Schuhen. Es war schwierig dieses Gefühl zu bewerten. Es hatte etwas Gutes, aber die Resignation warf einen negativen Schatten über die Erleichterung. Als ich die Augen wieder öffnete sah er mich noch immer an. Sein Blick war jedoch ganz anders. Es wunderte mich, wie schnell sich der Glanz in seinen Augen verändern konnte. Es war nichts kraftvolles oder energisches mehr darin zu sehen. Er wirkte nicht mehr suchend oder sehend, sondern traurig und etwas jämmerlich. Ich glaubte auch etwas Reue in den vorher so schimmernden Goldtönen zu sehen. „Bitte, sag doch etwas dazu.“ las ich ihm von den Lippen ab. Doch ich wusste nicht wozu ich etwas sagen sollte. Ich sah ihn fragend an und bemerkte die Enttäuschung in seinen Augen. Er wandte den Blick ab. Er hatte mich so lange angesehen, meine Tränen beobachtet und meine Seele erforscht und nun genügte eine fehlende Antwort, um ihn abzuschrecken? Meine Hände fühlten sich kalt an und als ich hinsah, bemerkte ich, dass er seine zurückgezogen hatte. Die Wärme und der sanfte Druck wirkten, als wäre sie noch auf meinen, aber alles was blieb, war meine angewärmte haut, die nun wieder unverhüllt in meinem Schoß lag. Die Kälte gewann den Kampf um meine Finger schnell und in Sekunden fühlte es sich an, als hätte es die große warme Decke nie gegeben. Mein Blick glitt über die Armlehne hinüber zu seinem Stuhl und suchte nach seiner Hand. Sie lag auf seinem Knie, aber war angespannt. Kurz davor, die Finger zu einer Faust zu ballen traten die Knöchel hervor. Er hatte mich noch immer nicht wieder angesehen. Er saß mit gesenktem Kopf, angespannten Händen und traurigem Gesichtsausdruck in seinem Stuhl und wirkte plötzlich so klein. Was auch immer mit ihm geschehen war, es war sicherlich meine Schuld. Er hatte in meiner Seele etwas entdeckt, was ihn traurig machte.

Meine Narben aus der Vergangenheit und die vielen Geheimnisse, die nun offen dalagen, hatten etwas in ihm angerichtet. Ich hatte etwas in ihm angerichtet. Ich stotterte leise und vorsichtig ein „Tut mir leid.“ und plötzlich sah ich, wie sich seine Hände endgültig zu Fäusten ballten. Er sah mich mit Tränen in den Augen an. Ich konnte nicht unterscheiden, ob sein Blick voll Wut oder Enttäuschung war, aber er weckte Schuldgefühle. Es war kein tiefer Blick, denn er wandte ihn sehr schnell wieder ab. Er wirkte schamhaft und gekränkt. Was hatte ich nur angerichtet? Dass meine vielen versteckten Macken und Probleme, die Geheimnisse und die Altlasten erschreckend sein können wusste ich, aber er war schließlich derjenige gewesen, der die Festung eingerissen hat. Es war nicht meine Schuld, dass er nun diese Gefühle hatte. Ich konnte damit mittlerweile umgehen, aber er rannte freiwillig in die Dunkelheit, obwohl er dort scheinbar Angst hatte. Er stand auf, nahm seine Jacke und sah mich noch ein letztes Mal an.

„Wenn dir jemand seine Liebe gesteht, dann solltest du dir die Mühe machen und wenigstens zuhören.“ sagte er und verschwand.

Eine Antwort to “Der Egoismus, das Forum Romanum und die Geheimnisse”

  1. Angelika Says:

    Ergreifende Schilderung eines Menschen, der aus Angst, sein Gegenüber könne die „Unzulänglichkeiten“ in seiner Seele entdecken, eine Liebeserklärung verpasst!
    Die „Tränen-Soldaten“, herrlich poetisch!

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