Der reiche Sonntag

Der reiche Sonntag

Die kleine Rosalie saß auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Der kratzige Teppich und das harte Holz darunter waren nicht sehr gemütlich. Sie stand auf und lief zu dem großen braunen Ledersessel in der Ecke des Raumes. Sie legt ihre Hand auf die Armlehne des klobigen Möbelstücks und ertastete die Nähte. Am Rand waren sie gerade und oben liefen sie einen Halbkreis, um die Rundung der Lehne zu formen. Rosalie schloss ihre Augen und fuhr mit ihren kleinen Fingern jeden einzelnen Stich der Nadel durch das Leder nach. Sie fühlte die winzigen Hügel und die Lücken dazwischen so intensiv, dass sie dachte, ihr Zeigefinger wäre ein Zug, der auf unebenen Schienen seine Strecke entlangfuhr. Doppelt genäht und so fein verarbeitet, dass sie schon bald den Zug in ihren Gedanken sehen konnte. Der Zug fuhr hoch und runter, von links nach rechts, um Kurven und in Bahnhöfe. Das glatte Leder war an manchen Stellen abgenutzt und rau, das Polster darunter war durchgesessen und an anderen Stellen weich und formbar. Aus den verschiedenen Beschaffenheiten des Materials formte Rosalie in ihren Gedanken eine wunderschöne Landschaft. Sie sah Hügel, Täler, wiesen und Felder. Ihr Zug fuhr darüber oder daran vorbei. Die Passagiere genossen die Aussicht und die Landschaft war so vielseitig, dass es für sie auf jeder Strecke etwas anderes zu sehen gab. Unter der Sitzfläche musste der Zug in einen Tunnel fahren, der für Rosalies Hand zu eng war. Sie öffnete die Augen und sah den Spalt enttäuscht an. Nun war der Zug weg und der glatte Untergrund verwandelte sich wieder in den alten Sessel. Enttäuscht betrachtete sie das Möbelstück und suchte nach der Landschaft und dem Zug. Nicht einmal die Schienen konnte sie noch erkennen. Sie seufze, drehte sich um und lief zum Fenster. Draußen war es grau, neblig und es dämmerte. Nur wenige Lichter leuchteten in den Fenstern der Nachbarn und Autos zählen lohnte sich auch nicht.

Was sollte sie nur mit diesem tristen Sonntag anfangen? Sie war alleine in der Wohnung ihres Großvaters, denn er musste überraschend zur Arbeit. Nur ein paar Stunden hatte er gesagt, aber es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Ihr Opa hatte keinen Fernseher und das Radio war so alt, dass sie Angst hatte, sie würde einen der Knöpfe zerbrechen, wenn sie ihn anfasste. Die einzigen Geräusche in der Wohnung waren ihre Schritte auf dem alten Parkett, das Knarren der Bretter und das Ticken der Uhr an der Wand. Sie stützte ihre Ellenbogen auf das Fensterbrett und legte ihre Wange in ihre Handfläche. Das Blatt der Topfpflanze kitzelte sie am Ohr und errang so ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm das Blatt zwischen ihre Finger und rieb es. Die Oberseite war glatt und fühlte sich an, wie die gewachste Holzplatte ihrer Schmuckkiste. Ihr Daumen glitt an der Unterseite des Blattes entlang und streichelte vorsichtig die Adern des Blattes. Rosalie schloss wieder ihre Augen und strich erneut mit ihren Fingern das Blatt entlang. Ganz langsam strich ihr Zeigefinger den Blattrand entlang und kam schließlich am Stängel an. Sie umschloss den dünnen Stamm mit ihren Fingern und arbeitete sich langsam nach oben. In ihren Gedanken stieg sie eine Leiter hinauf, setzte einen Fuß auf jedes Blatt und gelang immer weiter nach oben. Jedes Blatt war eine Sprosse, das Ziel war von unten noch nicht zu erkennen. Plötzlich stand sie vor einer Abzweigung. Ein kleiner Ast zwang sie zu einer Entscheidung. Sollte sie auf ihrem Weg bleiben oder den neu entdeckten Weg gehen? Sie lief hin und her, und zögerte eine ganze Weile, bis sie schließlich entschied, auf dem gehabten Weg zu bleiben. Sie stieg die Leiter immer weiter und weiter hinauf, bis sie eine Pause machen wollte. Sie setzte sich auf ein Blatt, streckte ihre Beine nach vorne aus und schaute sich um. In dieser Höhe konnte sie schon sehr weit blicken. Die Aussicht war bezaubernd und sie sah die Sonne am Horizont untergehen. Sie badete im Licht des Augenblicks und fühlte die glatte Oberseite des Blattes unter ihren Händen, die sie hinter sich abgestützt hatte. Rosalie atmete tief ein und aus, winkelte ihr Bein an und stand schließlich wieder auf. Sie hatte noch einen weiten Weg vor sich und wollte ihr Ziel noch vor der Dunkelheit erreichen. Etwas erschöpft, aber mit der Blüte in den Gedanken, stieg sie weiter die Leiter hinauf. Sie kletterte weiter und weiter, verschnaufte ab und zu einen Moment lang auf einem Blatt und schaute sich immer wieder um. Je höher sie gelangte, desto faszinierender war die Aussicht. Kurz bevor die Sonne endgültig versank erreichte sie das erste Blütenblatt. Rosalie griff nach dem weißen, kräftigen Blatt und zog sich nach oben. Mit einem großen Ruck saß sie mitten in der Blüte. Weich wie Kissen waren die Blütenpollen, die von den Blättern in ihrem runden Bett gehalten wurden. Sie lehnte sich an den Rand und sah sich um. Die Sonne war kurz davor zu verschwinden und tauchte alles in ein sanftes, rotes Licht. Sogar die weiße Blüte schimmerte rosafarben und die Schatten der Blätter unten wurden immer dunkler, bis sie fast schwarz waren. Rosalie gähnte und sank in die gemütliche Mitte der Blüte. Langsam fielen ihre Augen zu und sie schlief ein. Die kleine Rosalie lag zusammengerollt auf der Blume und träumte selig. Plötzlich wurde sie von einem lauten Schlag geweckt. Erschrocken sah sie sich um und stellte fest, dass sie noch immer auf Opas Fensterbrett lehnte. Ihre Hand lag auf der Blüte der Topfpflanze und die Uhr an der Wand schlug laut und bedrohlich zur vollen Stunde. Sie hatte das Geräusch schon vorhin, an einem der Bahnhöfe gehört, es aber als Ankündigung einer Ansage des Schaffners eingeordnet. Es war also noch immer dieser langweilige Sonntag im tiefsten Winter.

Mittlerweile war es dunkel geworden und ihre Arme lagen kalt und schwer auf der Steinplatte am Fenster. Fröstelnd nahm sie die Hand von der Blume, die Arme vom Fensterbrett und ging ins Schlafzimmer ihres Großvaters. Eigentlich wollte sich Rosalie nur einen zusätzlichen Pullover holen, denn den Kamin durfte sie alleine nicht anheizen und ihr war etwas kalt. Als sie durch das Esszimmer lief, blieb ihr Blick an der Foto wand hängen. Sie sah sich alle Bilder genau an. Ihr Großvater, als er noch jünger war und bene einem tollen alten Auto stand. Ihre Großmutter mit einem Kleinkind an der Hand, das vermutlich ihr Vater war. Ein kleines Familienfoto von den dreien, bevor Rosalies Großmutter verstorben war. Alle Bilder waren farblos. Nur schwarz und weiß, mit den verschiedensten Grautönen dazwischen. Die neueren Bilder, die auf denen auch Rosalie zu sehen war, waren farbig und in moderneren Rahmen. Sie stachen zwischen den grauen Bildern in den schweren Holzrahmen hervor und verbreiteten im Gesamtbild eine gewisse Unruhe. Lackierte Rahmen und Farbfotos zwischen den Jahrzehnte hängenden alten Fotografien passten einfach nicht dazu. Sie versuchte sich nur auf die alten Bilder zu konzentrieren und betrachtete noch einmal das Bild von ihrem Opa und dem Sportwagen. Das Auto war genauso grau, wie der junge Mann, der daneben stand, aber sie konnte erahnen, was für ein Prachtstück der Wagen zu der Zeit gewesen sein musste. In ihrer Phantasie erkannte sie die glänzenden Türgriffe, die eleganten Ledersitze und hörte sogar den Motor brummen. Ehe sie sich versah, saß sie auf dem Beifahrersitz und ihr Großvater legte ihr den Sicherheitsgurt an. Er sah aus wie immer und der junge Mann von dem Foto war in Sekunden um Jahre gealtert. Als sie an sich herunterblickte stellte sie fest, dass auch ihr roter Rock und der gelbe Pullover sich grau eingefärbt hatten. Sie betrachtete ihre Hände und Arme, die all ihre Farbe verloren hatten. Sie lehnte sich zur Seite, um sich im Außenspiegel des Sportwagens sehen zu können und erschrak vor ihren weißgrauen Haaren, die vor kurzem noch blond waren. Vom Spiegel nach links, glitt ihr Blick über das Armaturenbrett bis zum Lenkrad. Ihr Opa umfasste es fest mit seinen faltigen Händen und seine graue Haut glänzte im Sonnenlicht, das durch die Windschutzscheibe strahlte. Er wandte sein Gesicht zu mir und lächelte mich an. Sein graues Gesicht legte sich in noch tiefere Falten als er zuvor schon hatte und der Motor heulte auf. Einige Sekunden später rasten Rosalie, ihr Großvater und der Sportwagen über eine weite Landstraße. Der Wind zog zu einem Fenster hinein und zum anderen wieder hinaus. Der starke Motor brummte laut und Rosalie wurde fest in den Sitz gedrückt. Sie sah ihren Großvater an, der sichtlich Freude am Fahren hatte. Er sah so zufrieden aus, dass auch in Rosalie eine angenehme Wärme aufstieg und sie sich entspannt in den Sitz sinken ließ. Vorhin hatte sie noch gefroren, aber jetzt, im Sportwagen ihres Opas, war ihr nicht mehr kalt. So fuhren sie über Landstraßen, Autobahnen, durch kleine Gassen und durch alle Städte, die Rosalie kannte. In ihrer Heimatstadt hielten sie einige Minuten an, um Rosalie ein Eis zu kaufen. Es war Sommer und sie liebte das Erdbeereis von Antonios Eisdiele. Dann stiegen sie wieder in den Flitzer und fuhren weiter. Rosalie bemerkte nicht, dass auch die farbenfrohe Stadt, die sie kannte, heute in Grautöne gehüllt war. Als sie das nächste Mal anhielten, um zu Tanken, lief Rosalie an den grauen Zapfsäulen vorbei und sah sich am Zaun des Nachbargrundstücks die Werbeplakate an.

Sie las von Flohmärkten, Immobilienangeboten und entdeckte ein Plakat, dass ihr Interesse weckte. Diesen Sonntag war Jahrmarkt im Nachbarort. Ein Riesenrad, ein Karussell und ein buntes Lebkuchenherz mit Zuckerguss zierten das Plakat. Ein buntes Lebkuchenherz? Und das in ihrer grauen Phantasie? Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich schnell um. Ihr Opa beugte sich zu ihr herunter und sagte: „Ich bin wieder da Rosalie.“
Sie sah ihn überrascht an, denn er war plötzlich wieder farbig. Sein graues Gesicht war wieder zartrosa wie immer. Nur sein Bart war noch grau. Sein Hemd war dunkelgrün und seine braunen Lederschuhe blitzten unter den schwarzen Hosenbeinen hervor. Im Hintergrund erblickte sie nun auch wieder das Esszimmer der Wohnung, in der sie den ganzen Sonntag verbracht hatte. Ihr Großvater nahm sie an die Hand und führte sie ins Wohnzimmer. Er machte ein Feuer im Kamin, schaltete die kleine Lampe in der Ecke ein und setzte sich in den Ledersessel. Er hob Rosalie hoch und setzte sie in einer einzigen Bewegung auf seinen Schoß.
„Tut mir leid, dass ich den ganzen Tag weg war. Ich brauche das Geld dringend und muss hin und wieder einspringen, wenn ich meinen Job behalten will. Verstehst du das?“
„ Nein, Opa. Wofür brauchst du denn Geld?“ fragte Rosalie neugierig.
„ Ich muss so viel bezahlen. Die Wohnung, das Auto und das Essen – das alles kostet Geld, Rosalie.“ Erklärte er. Rosalie dachte eine Weile darüber nach und sah ihn dann fragend an. Sie sagte nichts, aber ihr Großvater sah ihr an, dass sie noch mehr wissen wollte. „ Nicht alle Menschen sind reich, Rosalie. Es gibt Menschen, die besitzen Häuser, mit so vielen Zimmern, dass sie am Abend nicht mehr wissen, in welches Bett sie sich legen sollen. Sie haben so viele tolle Autos, dass sie sich nicht entscheiden können, mit welchem sie fahren wollen. Sie haben so viel zu essen, dass sie jeden tag so viel wegwerfen, wie wir beide zusammen essen können. Doch so bin ich nicht, Rosalie.“, sagte er. Er sah sie freundlich an und Rosalie konnte sehen, wie erschöpft er von seiner Arbeit war. „ Ich muss hart arbeiten, um das zu kaufen, was ich zum Leben brauche. Ich habe diese kleine Wohnung, ein paar Möbel und mein kleines Auto. Ich habe jeden tag etwas zu essen und ich kann dir ein Eis kaufen, wann immer ich will. Damit bin ich zufrieden, Rosalie.“
„Aber Opa“, sagte Rosalie, „du hast doch viel mehr!“ sagte sie und sah ihn an, als hätte er einen Fehler gemacht. „Du hast eine Eisenbahn, die über ein weites Land fährt, eine riesige Blume, von deren Blüte aus man über das ganze Land schauen kann und du hast diesen tollen Wagen, der so schnell fährt, dass nicht einmal die Farben ihm hinterherkommen.“, zählte sie fröhlich auf. Der Großvater sah sie an und lächelte. „Du hast Recht, Rosalie. Wirklich reich sind diejenigen, die ein Herz voller Liebe haben und deren Träume von ihrer Phantasie bunt eingefärbt werden.“

Eine Antwort to “Der reiche Sonntag”

  1. Angelika Says:

    Eine Geschichte, die von unerschöpflicher Phantasie zeugt!!
    Ein sehr wichtiger Aspekt, gerade für unsere heutige Zeit, wurde auf sanfte Weise von dir angesprochen:
    Nicht die materiellen Werte zählen, sondern die, die wir im Herzen tragen!
    Sehr nachdenkenswerte Geschichte!

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