Kleinstadt mit Stempel

17.09.2009

Auch wenn die Nachrichten und das gesamte Internet voll waren mit Berichten, Skandalfotos und Polizeibildern, trotz unzähliger Spekulationen und Erzählungen, den schockierten Kommentaren und der Fassungslosigkeit – ich schreibe hier über den Amoklauf am Gymnasium Carolinum in Ansbach. Aus meiner Perspektive…

An besagtem Donnerstag im September riss mich ein Anruf der Hausverwaltung aus meinen friedlichen Träumen. Aus dem Ausschlafen wurde wohl nichts mehr. noch mehr organisatorischer Quatsch, den ich zu regeln hatte. Nach dem Kaffeekochen nahm ich mein Handy zur Hand, um meinen Mitbewohnern von unserem unverschuldeten Mietrückstand zu erzählen und entdeckte ein kleines Briefchen auf dem Display. Seit 10.55 wartete die Nachricht auf mich – getarnt durch einen unschuldig blinkenden Umschlag aus einzelnen Pixeln. Mein Freund fragte, ob ich ES schon gehört hatte und fasste die wichtigsten Informationen auf 160 Zeichen zusammen. Ohne mir etwas dabei zu denken, legte ich das Handy beiseite und ging an mein iBook.

Wild hüpfend wollte mir Skype eine Nachricht meiner Mutter überbringen. Auch sie schreib etwas von Carolinum, Amoklauf und Verletzten. Zwischen den Schlagworten fand ich die Worte „Nachrichten“ und „Fernsehen“. Also gut, dann eben mal den Fernseher anschalten. Die üblichen Sender brachten den üblichen Mist – Familienstreit, Sitcoms und Gewinnspiele. Google-News – dachte ich. Und da stand es dann in großen Buchstaben.

Ich saugte alle Infos und in mich auf, öffnete einen neuen Tab und loggte mich in Twitter ein. Überall ähnliche schlechte Scherze über meine kleine Heimatstadt. Als dann auch noch ntv und n24 bewegte Bilder aus Ansbach zu mir nach Würzburg schickten, war ich kurz davor die Geschichte zu glauben.

Polizeibusse in Herden rasten durch Straßen, die ich bis auf den letzten Kieselstein kannte. Absperrbänder schlängelten sich vor Gebäuden umher, die für mich jahrelang ein normaler Anblick waren. Reporter standen vor Kulissen, die meinem verschlafenen Ansbach bis ins letzte Detail ähnelten.

Es fielen Namen, Zahlen und Fakten, die trotz allem sehr unwirklich schienen. Ich verfolgte Julius Kramers Kommentare bei Twitter und bemerkte nach kurzer Zeit, dass es sich um DEN Julius handelte. In meinem Kopf ratterte ein Namensregister, sortiert nach Schulzugehörigkeit. Wen kannte ich an der Schule? Was passierte wohl zur gleichen Zeit an den anderen Ansbacher Gymnasien? Ich griff zum Handy und rief eine Freundin an, die gerade Praktikum an einem der anderen Gymnasien machte und erfuhr kaum Neuigkeiten – nichts als Chaos.

Ich habe daraufhin den ganzen Tag vor Fernseher und PC verbracht. Sämtliche bestätigten und unbestätigten Infos gingen durch meinen Kopf und wieder hinaus.
Selbstverständlich malte ich mir unzählige Horrorszenarien aus, erinnerte mich an meine eigene Schulzeit und versetzte mich in die Lage vieler Menschen in Ansbach. Meine Familie und auch einige meiner Freunde waren dort. Es war ja schließlich meine kleine, friedliche Heimatstadt.

Auch die Tage danach waren ziemlich gedankengefüllt.
Das Bild des Täters brachte mein Namens- und Gesichtsregister erneut zum rattern. Natürlich kannte ich ihn. In einer Stadt, wie Ansbach kennt jeder jeden. Ich habe nie wirklich viel mit ihm geredet, aber sein Gesicht und sein Auftreten waren mir ein Begriff. Ein ruhiger Typ, der kaum auffiel.

Als ich am Freitag schließlich nach Ansbach fuhr, begleitete mich das Bild die gesamte Fahrt. ich fuhr nicht hin, um die Sensation live zu erleben, sondern hatte den Besuch schon vorher geplant. Im Gegenteil – ich hatte überlegt ihn abzusagen. Aber Familie und Freunde hatten Vorrang vor meinen wirren Gedanken. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie die Lage in Ansbach wirklich war.

Die Puzzleteile fügten sich nach und nach zusammen. Der Täter war enttarnt und in meinem Gedächtnis auch als fertiges Bild abgespeichert. Die Bilder aus Fernsehen, Zeitung und Internet verketteten sich zu einem hektischen Kurzfilm aus Nachrichtensequenzen vor einer bekannten Kulisse kombiniert mit persönlichen Eindrücken. Als meine Freundin und ich das Ortsschild passierten, traf uns die Realität mitten ins Gesicht. Ansbach war wie immer. Die Leute fuhren zum Einkaufen, gingen ihren Aufgaben nach und lebten ihr Leben einfach weiter. Nichts war anders. Überhaupt nichts.

Plötzlich überkam uns beide – meine Freundin und mich – ein seltsames Gefühl. Eine Art innere Zerrissenheit. Was tun? Wie primitive Sensationsgeile am Carolinum vorbeifahren und gaffen oder die Geschehnisse des vorigen Tages ausblenden, wie der Rest der Stadt? Wir einigten uns wortlos darauf, dass langsames Vorbeifahren an Kerzen, Blumen und Absperrbändern nicht angebracht war.

Am Abend saß ich in einem Café und unterhielt mich mit alten Schulfreunden. Das Gesprächsthema für die erste Zeit war ja fast klar. Vorbestimmt sozusagen. Da saßen wir nun alle. Etwa zwei Straßen entfernt von dem Ort, der durch die Nachrichten lief, wie Werbung zur Primetime. Und alle hatten diesen Zwiespalt. Verdrängen oder sich dem Skandal hingeben. Durch ein Bisschen von beidem schlängelten wir uns durch den Abend.

Die Erkenntnis des Abends, der Tage, Gedanken und Gespräche war die, dass auch Glück im Unglück nichts an der Tatsache des Unglücks änderte. Ein Ereignis wie dieses regte zum Nachdenken an und die Gedanken zogen sich durch alle Themenbereiche. Alle Aspekte des Lebens wurden beeinflusst – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Familie, Freunde, Beruf (einige angehende Lehrer in meinem Umfeld) und natürlich auch die Politik. Zivilcourage und das Bildungssystem…

All das geht an dieser Stelle zu weit, aber bedarf einigen Diskussionen. Und nicht nur unter den Ansbachern, sondern überall.

Fakt ist, dass die Sache in Ansbach mehr oder weniger glimpflich ausgegangen ist. Das sehen die beiden schwer verletzten Mädchen, ihre Familien und die Familie des Täters wahrscheinlich anders. Auch die anderen Schüler des Gymnasium Carolinum haben trotzdem Angst. Ein weniger schrecklicher Bestandteil einer Reihe von Schreckenstaten ist trotzdem eine Teil der Reihe. Eine schreckliche Erinnerung bleibt auch, wenn die Bilder aus den Nachrichten verschwinden.

Und das Unvorstellbare für mich:
Beim nächsten Amoklauf, den es sicherlich geben wird (dank der aktuellen Bildungspolitik), wird meine unschuldige Heimatstadt aufgenommen in die Liste. Dann heißt es in den Nachrichten:
„Ähnlich wie in Erfurt, Emsdetten, Winnenden und Ansbach ist auch am heutigen Schultage ein bewaffneter Schüler…..“
Mein Ansbach ist nun eingereiht in die Kette von Städten mit Stempel. Vor einer Woche konnte man Ansbach googlen und fand – Nichts. Das wird nie wieder so sein.

Eine Antwort to “Kleinstadt mit Stempel”

  1. Seit heute wissen wir auch was die Gründe des Täters waren und damit ist auch klar, dass das Gymnasium, Leher sowie vor allem die Schüler und seine Mitschüler, sowie sein Erlebnis im Schulbus daran schuld sind, dass ein lablier Mensch unter Umständen so eine Tat durchführt. Das ist ein Apell an die gesamte Gesellschaft!

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